Italienische Presselandschaft und ihre politische Ausrichtung

Auf einer grünen Bank sitzt eine Frau mit Sonnenbrille und dunklen Haaren in einer orangefarbener weiten Bluse und schwarzer Hose. In den Händen hält sie die aufgeschlagene italienische Zeitung il Fatto Quotidiano, die sie interessiert liest.
Italienische Presselandschaft und ihre politische Ausrichtung

Die italienische Presselandschaft und ihre (politische) Ausrichtung unterscheidet sich gewaltig von der deutschen. Das zeigt sich schon daran, dass im europäischen Vergleich in Italien nur wenige Menschen eine Tageszeitung (online und Print) lesen. Ein großer Unterschied ist auch, dass viele der überregionalen italienischen Zeitungen staatliche Subventionen erhalten. Diese Regelung besteht seit 1981 und wird seither immer wieder verändert. Aktuell gibt es direkte und indirekte öffentliche Förderung.

Subventionen sollen italienischen Medien ermöglichen, ihre Rolle als „Wachhund“ der Demokratie zu erfüllen. Doch ihre Unabhängigkeit wird von der Politik wie auch von Interessengruppen bedroht,

schreibt Journalist und Dokumentarfilmer Lorenzo Buzzoni auf republik.ch.

Ein großer Gegner dieser Förderung ist die Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento 5 Stelle). Sie fordert seit Jahren einen totalen Subventionsstopp. Zum „Dank“ für ihre Forderung kommt die 5-Sterne-Bewegung in den italienischen Zeitungen schlecht weg.

Italienische Presselandschaft

Welche Zeitungen gibt es in Italien? Was solltest du über deren politische Ausrichtung wissen, wenn eine der Zeitungen in deutschen Medien zitiert wird oder du eine liest? Zunächst solltest du wissen, das die Zeitungslandschaft in Italien extrem parteipolitisch gesteuert ist.

Man muss genau wissen, aus welchen Verlagen sie kommen, welche politischen Interessen sich dahinter verbergen, wie diese Berichterstattung zustande kam, warum sie so aussieht,

so Petra Reski im Interview mit mir.

Dr. Martin Hambrückers bezeichnet in seiner Dissertation (Seite 27)

[…] die Verflechtungen von Wirtschaft, Medien, Politik und katholischer Kirche seit jeher als ein besonderes Merkmal der italienischen Elite.

Im Gegensatz zu den deutschen Verlagen, sind in Italien fast alle Zeitungsverlage aufgrund finanzieller Schwierigkeiten (und das schon lange vor Einsetzen des Pressesterbens um die Jahrtausendwende) in den Besitz industrieller Gruppen gekommen. Durch die Fusion der Verlage mit branchenfremden Unternehmen sind so mächtige Mischkonzerne entstanden, welche die italienische Presselandschaft dominieren. Einflussmöglichkeiten sind damit vorprogrammiert.

Ich habe mir einige der überregionalen Zeitungen angesehen. Einige von ihnen lese ich seit Jahren immer mal wieder oder verfolge ihre Aktivitäten in den sozialen Medien. Ich habe die Eigenschreibweise der jeweiligen Tageszeitungen (giornali quotidiani) übernommen und sie nach Auflagenstärke absteigend aufgelistet. Die Auflage bezieht sich auf die verbreitete und digitale. Sie stammt mit einer Ausnahme (il Fatto Quotidiano von 2021) aus dem Jahr 2020. (Quelle: ADS Accertamenti Diffusione Stampa – unserem IVW vergleichbar)

Mit einer Ausnahme (Il sole 24 ore) ist allen aufgelisteten Zeitungen gemein, dass sie in der Berichterstattung breit aufgestellt sind: Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Finanzen, Sport, Kultur.

Eine Frau in orangefarbener Bluse und schwarzer Hose steht an einem italienischen Zeitungskiosk. Sie blickt Richtung Kamera. In der Hand hält sie eine gefaltete Ausgabe der Zeitung Il Fatto Quotidiano.

Corriere della Sera

Der Corriere della Sera vertritt eine liberal-konservative Haltung. In der Vergangenheit scheute er sich auch nicht, des Öfteren Wahlempfehlungen auszusprechen. War es 2006 eine für Romano Prodi, wurde fünf Jahre davor noch ein Ministerpräsident Berlusconi goutiert. Der Corriere wird von der RCS MediaGroup herausgegeben, dessen CEO seit 2016 Urbano Cairo, ein ehemaliger Mitarbeiter von Silvio Berlusconi, ist.

la Repubblica

la Repubblica

Auflage: 179 164
Gegründet: 1976
Sitz: Rom
Chefredakteur: Giancarlo Mola
Website: repubblica.it

Die einstige eher linksorientierte Repubblica, die sich gegen das Bürgertum wandte, wurde 2019 ausgerechnet von DEM italienischen Establishment-Vertreter schlechthin – von der Agnelli-Familie – übernommen. Seither vertritt sie einen dezidiert neoliberalen Standpunkt. Früher war die Repubblica, v. a. die Freitags-Beilage „meine“ Zeitung, in jüngster Zeit nicht mehr, da sich das Niveau der Zeitung gewaltig nach unten entwickelt hat.

Il Sole 24 ORE

Il Sole 24 ORE ist die populärste Wirtschafts- und Finanzzeitung und behandelt in erster Linie die Themen Wirtschaft, Politik, Nachrichten aus dem regulatorischen und steuerlichen Bereich, Finanzmarkttrends und Expertenkolumnen. Sie wird herausgegeben vom Verlag Gruppo 24 ORE, an dem der italienische Arbeitgeberverband (Confindustria) 60,2 Prozent Anteile hält.

La Stampa

La Stampa

Auflage: 118 251
Gegründet: 1867
Sitz: Turin
Chefredakteure: Gianni Armand Pillon, Enrico Caporale und Guido Tiberga
Website:
lastampa.it

La Stampa gilt ebenfalls als liberal-konservativ. Bis 2016 verfügte der Fiat-Konzern jahrzehntelang über 77 Prozent der Anteile an der Zeitung. Noch Fragen zur Ausrichtung? Mittlerweile wird sie im selben Verlag herausgegeben wie auch la Repubblica. Stampa und Repubblica führten einst erbitterte Kämpfe.

Stellvertretend für die italienische Presselandschaft liegt ein Stapel italienischer Zeitungen: la Repubblica, Il sole 24 ORE und il Fatto Quotidiano. Im Hintergrund ist eine Espressotasse zu sehen.
Italienische Presselandschaft und ihre politische Ausrichtung

Avvenire

Avvenire ist eine christliche Zeitung, die aus dem Zusammenschluss der katholischen Zeitung L’Italia di Milano und L’Avvenire d’Italia d Bologna entstanden ist. Die Zeitung definiert sich selbst als Zeitung katholischer Inspiration. In ihrer Themenwahl ist sie allerding völlig autonom solange die Themen mit der katholischen Glaubenslehre übereinstimmen.

Il Messaggero

Il Messaggero

Auflage: 75 227
Gegründet: 1878
Sitz: Rom
Chefredakteur: Marco Gorra
Website:
ilmessaggero.it

Il Messaggero ist auch eher in der Mitte anzusiedeln, also liberal-konservativ. Das Bauunternehmen Caltagirone hält 90 Prozent am gleichnamigen Verlagshaus Caltagirone Editore S. p. A.

Auf einer grünen Bank sitzt eine Frau mit Sonnenbrille und dunklen Haaren in einer orangefarbener weiten Bluse und schwarzer Hose. In den Händen hält sie die aufgeschlagene italienische Zeitung il Fatto Quotidiano, die sie interessiert liest.

il Fatto Quotidiano

il Fatto Quotidiano ist die jüngste der hier aufgelisteten italienischen Tageszeitungen und als unabhängig einzustufen. Sie ist die einzige überregionale Zeitung, die keine öffentlichen Gelder bezieht. In den von mir gelesenen Ausgaben waren im Vergleich zu den anderen Tageszeitungen wenige Werbeanzeigen enthalten. Auch wenn der Kulturteil überschaubar ist, ist sie aktuell meine bevorzugte Zeitung. Klar im Auftritt mit wenig News aus der Welt der Stars und Sternchen.

 

Außer den hier genannten gibt es natürlich noch zahlreiche regionale Zeitungen. Diese hier aufzulisten, würde allerdings den Rahmen sprengen.

 

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