ARD-Korrespondent wird man nicht als Quereinsteiger

Morgens um sieben in Mailand. Ich mache mich auf den Weg nach Rom. Dort werde ich den Leiter des ARD-Studios und Hörfunkkorrespondent, Tassilo Forchheimer, zu einem Interview treffen. Drei Stunden benötigt der Frecciarossa für die Strecke. Rom empfängt mich mit sonnigem, aber kühlem Wetter. Ich fahre mit der Metro ein paar Stationen, dann laufe ich, vorbei an den Vatikanischen Museen und dem Petersplatz, wo sich schon die ersten Touristen eingefunden haben, in Richtung Studio.

Das Studio befindet sich ganz in der Nähe des Vatikans in einem unscheinbaren, mehrstöckigen Wohnhaus. Kaum habe ich die Haustür hinter mir geschlossen, bin ich von einem antiquierten hölzernen Entree geflasht. Ich steige die Treppen hinauf bis in den vierten Stock, wo mich Tassilo Forchheimer auch gleich freundlich begrüßt. Wir machen einen Rundgang durch die verschiedenen Räumlichkeiten: Redaktion, Schnitt, Archiv, Technikraum, Green Box. Kommt mir alles vom Hessischen Rundfunk bekannt vor – nur ein wenig kleiner dimensioniert. Ich bin jetzt schon reizüberflutet, und ehe ich mich versehe, habe ich auf der Dachterrasse ein ARD-Mikro fürs Erinnerungsfoto in der Hand. Solltet ihr im Ersten oder anderen ARD-Fernsehprogrammen Bilder mit Vatikan im Hintergrund sehen, dann wurden sie genau von dieser Terrasse gemacht. 

Schließlich gehen wir in sein Büro. Er spielt mir ein paar seiner Beiträge vor und erklärt dabei seine Art zu produzieren – immer mit einer darunter gelegten italienischen Tonspur. Telefone klingeln hier nicht, sie leuchten nur auf. Wäre ja auch ziemlich unpraktisch, wenn Forchheimer gerade einen Beitrag aufnimmt und das Telefon klingelt. So kommen wir ins Gespräch und ich kann meine Fragen stellen.

Tassilo Forchheimer, ARD-Studio-Leitung Rom
Leiter des ARD-Studios und Hörfunkkorrespondent in Rom: Tassilo Forchheimer

Bloß keine Routine

Wie sieht er aus, der Tag eines römischen Korrespondenten? Jeder Tag ist anders! Der normale römische Korrespondenten-Alltag beginnt bereits zu Hause, denn in der Regel läuft ab sechs Uhr morgens das Programm in den deutschen Sendern. So kommt es schon mal vor, dass bereits um fünf Uhr das Telefon klingelt, weil für kurz nach sechs ein Beitrag benötigt wird. „Wir haben alle zu Hause Mini-Hörfunkstudios, die wir uns selber einrichten. Die Technik stammt meistens vom Vorgänger.“ Forchheimers Ministudio ist ein ehemaliger begehbarer Schrank jetzt mit Schallschutzmatten an den Wänden und Vorhängen, damit es nicht hallt. „Und dann sitze ich da morgens in dem kleinen Kabuff und mache Life-Schaltungen.“

Nach der Radio-Primetime, von sechs bis neun Uhr, heißt es Zeitungen und Online-Medien lesen und Emails checken. Oft sind dann auch schon Themenwünsche eingegangen. Hinzu kommen längerfristige Planungen und Wochenangebote, die abgearbeitet werden müssen, oder er muss raus zum ersten Termin.

Die Qual der Wahl

Es ist immer ein Abwägungsprozess, welche Beiträge produziert werden und welche nicht. „Ungefähr eine Hälfte der Beiträge, die es in Deutschland zu hören gibt, schlagen wir vor, die andere Hälfte wird an uns herangetragen.“ Natürlich gibt es termingesteuerte Themen, an denen man nicht vorbeikommt, z. B. als der chinesische Präsident nach Italien kam, um das Seidenstraßen-Abkommenzu ratifizieren (Anm. der Red. 21. bis 24.3. 2019) oder die Wahl des neuen Vorsitzenden der Partito Democratico, Nicola Zingaretti. Und dann gibt es die zeitlosen Themen und jene, die am Rande entstehen, als Zufallsprodukt. „Eigentlich bringt man von jeder Reise oder jedem Gespräch eine Begleitgeschichte mit.“ Themenanfragen aus Deutschland sind ein gutes Korrektiv, da die Korrespondenten und Korrespondentinnen ablesen können, was dort gerade interessiert.  

Das Themenspektrum ist vielschichtig: Sport, Kultur, Politik oder Wirtschaft. Korrespondentinnen und Korrespondenten müssen in sehr vielen Bereichen firm sein und das Land gut kennen. „Diese Bereiche muss man sich Stück für Stück erarbeiten. Wenn ich anfange zu recherchieren, mich in das Thema einarbeite und es durchdringe, wird es immer interessanter und ich entdecke die Feinheiten. Wirtschaft war am Anfang für mich schwierig, da war ich nicht so tief drin. Wenn man sich dann damit beschäftigt, versteht man die Mechanismen.“

Korrespondenten sind Netzwerker

Um fachliche Zusammenhänge besser zu versehen, sind Netzwerke wichtig. Es gibt immer jemanden, den man fragen kann, der/die weiß, wie es geht. Diese Netzwerke entstehen mit der Zeit. Es gibt eine gewisse Kontinuität von den Vorgängern, aber jeder und jede bringt auch wieder neue Kontakte mit. 

Kontakt gibt es auch zu italienischen Medienvertretern, beispielsweise bei gemeinsamen Terminen. Dort findet dann am Rande ein Austausch statt. Wesentlich intensiver ist allerdings der Kontakt zu anderen Auslandskorrespondenten, vor allem Radiojournalisten. Hier gibt es gut gewachsene Netzwerke und es kommt gelegentlich sogar vor, dass O-Töne getauscht werden. So nach dem Motto: „Ich schaff’s heute nicht auf die PK, kannst du für mich mitschneiden?“  

Für Italien interessieren sich alle

„Das Tolle ist, dass alles, was wir machen auch gesendet wird.“ Für Italien interessieren sich alle – Zuhörerschaft und die Redaktionen, die beauftragen. 

Beim Fernsehen sind die Mechanismen etwas anders. Wenn ein Fernsehteam rausfährt, entstehen Kosten. In der Regel besteht das Team nämlich aus drei Personen. Die Technik ist teurer und teilweise wird extra Personal benötigt. Bevor ein Kamerateam rausfährt, muss also ein Auftrag aus Deutschland vorliegen. Hinzu kommt, dass es nur wenige Sendeplätze im Fernsehen gibt, wodurch ein gewisser Wettbewerb entsteht.  

Traumjob ARD-Korrespondent/in

Doch wie kommt man nun zu so einem tollen Job? Nicht als Quereinsteiger, soviel sei schon mal verraten. Alle der rund 100 ARD-Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten, die es weltweit gibt, haben eine Vorgeschichte in einem der Sender. Sie kennen ihr Haus, das vernetzte Arbeiten in den Landesrundfunkanstalten und bringen den Servicegedanken mit. „Ich bin für ein großes Netzwerk zuständig. Ich muss versuchen, möglichst viele Wünsche sehr unterschiedlicher Programme zu erfüllen: Von COSMO über Bayern 2 bis hin zu hr-iNFO. Dahinter stehen jeweils sehr unterschiedlich interessierte Hörerinnen und Hörer. Das ist eine große Herausforderung.“

Voraussetzung für eine Entsendung ist, dass man mit dem Land und der Sprache vertraut ist. Egal ob Italien, China oder Marokko – jede Korrespondentin und jeder Korrespondent sollte die jeweilige Landessprache beherrschen. „Viele von uns Korrespondenten haben in einem der Länder studiert, eine Ehepartnerin oder einen -partner aus dem Land, das Land bereist und sich intensiv damit auseinandergesetzt.“

Wird in absehbarer Zeit eine Stelle als Hörfunkkorrespondent/in frei, dann können die einzelnen ARD-Landesrundfunkanstalten entsprechende Personalvorschläge machen. „Die Auserwählten müssen eine Anhörung in der so genannten AG Info bestehen. Da sitzen die Chefredakteurinnen und -redakteure aller ARD-Hörfunksender vor einem und stellen kritische Fragen – und zu Italien weiß natürlich jeder etwas. Erst wenn man durch diese Mühle durch ist, kommt die endgültige Entscheidung der Hörfunkdirektorinnen und ‑direktoren.“

Nach fünf Jahren ist Schluss

Ein Korrespondentvertrag läuft in der Regel zwei plus drei Jahre, also maximal fünf Jahre. Diese Zeit hat sich bewährt, denn die Aufgabe der Korrespondenten ist es, Augen und Ohren der deutschen Zuhörenden zu sein. „Ich darf das deutsche Denken nicht vergessen. Wenn ich irgendwann zum Italiener werde und nur noch verteidige, was ich hier erlebe, dann ist es nicht mehr der Korrespondent, den die deutschen Zuhörenden erwarten. Sie wollen zu Recht den kritischen Blick: Was würde ein Deutscher jetzt hier in Italien sehen? Bliebe ich zu lange hier, würde ich betriebsblind.“

 

Vielen Dank Herr Forchheimer für Ihre Zeit und die Einblicke in das Korrespondentendasein.

 

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Die Autorin war einige Jahre als freie Mitarbeiterin in der Pressestelle/Unternehmenskommunikation des Hessischen Rundfunks beschäftigt.

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Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Einblick in die Arbeit von Auslandskorrespondenten.
    Vielen Dank für den Artikel

    • Gerne Astrid. Scheint mir aber auch ein sehr anstrengender Job zu sein.
      Und demnächst beim WDR gut zuhören, wenn’s um Italien geht. Könnte seine Stimme sein. 😉

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