Faszination italienische Bar

Faszination italienische Bar: Hier Blick in die Bar San Francesco in Assisi. Mit Tischen und Stühlen und dem Tresen im Hintergrund
Faszination italienische Bar: Bar San Francesco in Assisi

Nach Stunden auf dem Weg, die Beine schwer, der Kopf heiß von der Sonne, ist eine italienische Bar manchmal der beste Ort der Welt. Ein kühles Getränk, ein Stück Pizza, ein Platz zum Sitzen. Ankommen. Runterkommen.

Auf meinen Pilgertouren waren die Bars für mich Sehnsuchtsorte. Am Vormittag als Aussicht auf den zweiten caffè und eine chiacchierata, ein kurzes Gespräch. Vor allem aber am Ende des Pilgertages.

In beinahe jedem noch so kleinen Ort in Italien gibt es sie: die Bar. Wer bei einer Bar an Cocktails, Alkohol und Abendbetrieb denkt, liegt allerdings falsch. Die italienische Bar ist viel mehr: Sie ist Kaffeebar, Frühstückscafé, kleiner Imbiss, Treffpunkt und am Abend Ort für den aperitivo.

Die italienische Bar als Treffpunkt für den ganzen Tag

Auf die Existenz einer Bar ist in Italien beinahe immer Verlass. Selbst im kleinsten Ort, der aus nicht viel mehr als einer Kirche, ein paar Häusern, einer piazza und vielleicht noch aus einem kleinen alimentari besteht. Irgendwo findet sich eine Theke, an der das Leben zusammenläuft. Meist öffnet die Bar schon morgens um sieben, manche schließen für eine mehrstündige Mittagspause. Danach geht es pünktlich zum aperitivo weiter bis in die Abendstunden.

Italienische Kaffeekultur: Warum der caffè in der Bar so wichtig ist

Faszination italienische Bar: Frühstück mit Cappuccino und Cornetto al tavolo, am Tisch

Was heute so selbstverständlich italienisch wirkt – morgens zum caffè in die Bar zu gehen –, ist erstaunlich jung. Erst in den 1950er-Jahren hat sich das Außer-Haus-Frühstücken durchgesetzt, so Alberto Grandi im Podcast „DOI – Denominazione di Origine Inventata“. Erst in den Städten, dann auch in den Orten. Bis dahin war die Bar ein Ort, der am späten Nachmittag und Abend frequentiert wurde. Ein Vorläufer der alten Osterien.

So funktioniert die italienische Bar

Erst bezahlen, dann bestellen – sofern es dort so gehandhabt wird
al banco = am Tresen
al tavolo = am Tisch
Tischbedienung kann teurer sein
Ein caffè ist normalerweise ein Espresso
Essensangebote variieren von Bar zu Bar

Mit dem veränderten Konsumverhalten in den Städten und dem Wandel der Gesellschaft veränderte sich auch die Funktion der Bar. Sie wurde zum Ort für den ersten caffè des Tages, für ein schnelles Mittagessen oder den caffè danach, für ein panino zwischendurch und den aperitivo am Abend. So wurde aus der Bar ein Ort für viele Momente des Tages. Vielleicht liegt genau darin ihre eigentliche Faszination.

Schon beim Betreten der Bar beginnt das kleine italienische Ritual. Ein buongiorno gehört für mich dazu. Dann den Bon holen. In vielen Bars geht es nicht einfach an die Theke, um einen Espresso oder Cappuccino und ein cornetto zu bestellen. Zunächst wird an der Kasse bezahlt und mit dem Bon geht’s dann an den Tresen. Dort heißt es: Lage sondieren. Manche größeren Bars überfordern mich manchmal mit ihrer überwältigenden Auswahl an cornetti: con crema, con marmellata, al cioccolato oder einfach nur vuoto, ungefüllt? Ich schaue in die Auslage und entscheide spontan. Dazu ein Cappuccino. Beides am Tresen.

Eher italienuntypisch steuere ich manchmal auch direkt einen Tisch an und genieße das Gewimmel, die Gerüche nach frischem Gebäck und caffè und die Geräusche um mich herum: Das Zischen der Kaffeemaschine, das Klappern der Tassen, das kurze Rattern der Kaffeemühle, Stimmen, die durcheinandergehen. Bestellungen werden zugerufen, beantwortet, weitergereicht. Due caffè. Un cappuccino. Un cornetto, per favore. Der Bon wird über den Tresen geschoben, Tassen und Teller weggeräumt.

Viele Italiener*innen verbringen nur ein paar Minuten in der Bar, bevor es auch schon weitergeht.

Zwischen Eile und Müßiggang: Die Bar als sozialer Treffpunkt

Faszination italienische Bar
Vier Herren in Trevi, die wenig miteinander gesprochen haben und nur kurz mit mir fürs Foto

Vor manchen Bars sitzen ältere Herren bereits am Vormittag zusammen. Sie sitzen dort scheinbar ohne jeden Zeitdruck und Verzehrzwang. Manchmal sprechen sie nicht mal, sondern verbringen nur gemeinsam Zeit vor der Bar und beobachten das Geschehen. Ich hatte trotz des Nicht-Redens miteinander nicht den Eindruck als wäre ihnen langweilig. Vielleicht muss man nach Jahrzehnten des Kennens auch nicht mehr ständig miteinander reden.

Von der Mittagspause bis zum aperitivo

Faszination italienische Bar: Zeit für einen Aperitif nach einem Pilgertag
Zeit für den Aperitif in der Bar nach einem Pilgertag

Am Mittag wird die Bar zum Ort für den schnellen Mittagstisch. Pizza, panini, tramezzini oder auch ein Pastagericht stehen auf der Karte. Nichts, wofür man lange bleiben müsste. Etwas essen, einen caffè danach und wieder zurück zur Arbeit ins Büro, auf die Baustelle, in die Fabrik, in die Werkstatt.

Am Abend kommen die Gläser. Dann wird aus dem Frühstücksort und der Mittagspause der Treffpunkt für den aperitivo. Dieselbe Theke, dieselben Tische, andere Menschen. Die Bar begleitet ihre Gäste durch den Tag: morgens als erster Halt, mittags als Zwischenstation und abends als Treffpunkt.

Warum die italienische Bar so faszinierend ist?

Ich denke, weil sie ein sozialer Treffpunkt ist. Sie muss sich auch nicht entscheiden, was sie sein möchte: Sie ist Frühstückscafé, kleine Trattoria, Kaffeebar, aperitivo-Treffpunkt – und Sehnsuchtsort für Pilgerinnen – zugleich. Vor allem aber ist sie ein Ort, an dem unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten zusammenkommen.

Vielleicht erklärt das auch, warum mir die Bars auf meiner Pilgertour so wichtig waren. Nach Stunden auf dem Weg brauchte es gar nicht viel. Ein kühles Getränk, ein Stück Pizza und eine Sitzmöglichkeit zum Runterkommen. Und um mich herum italienisches Leben.

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