Was bedeutet es wirklich, dass die italienische Küche zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde? Und welche Geschichte wird dabei erzählt – oder ausgeblendet?
Du hast es vermutlich schon längst erfahren: Am 10. Dezember wurde die italienische Küche zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Die Freude darüber ist groß – und nachvollziehbar.
Doch die italienische Küche ist nicht die erste, die diese Auszeichnung erhält. Vor ihr wurden bereits Frankreich und Mexiko (beide 2010) sowie Japan (2013) anerkannt. Zudem gehört Italien gemeinsam mit Griechenland, Kroatien, Marokko, Portugal, Spanien und Zypern seit 2013 mit der mediterranen Küche zum immateriellen Weltkulturerbe.
Kurz gesagt: Die UNESCO zeichnet nicht einzelne Gerichte aus, sondern eine Idee von italienischer Esskultur. Kritiker bemängeln jedoch, dass dabei ein idealisiertes Bild gefeiert wird – und nicht die widersprüchliche, historisch gewachsene Realität der italienischen Küche.
Mehr als Rezepte: eine kulturelle Idee
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diese Anerkennung nicht aus dem Nichts kommt. Bereits 1881 veröffentlichte Pellegrino Artusi „Die Wissenschaft in der Küche und die Kunst des guten Essens“ – eine Sammlung von über 700 Rezepten, angereichert mit Geschichten, Kuriositäten und Anekdoten. Was als praktisches Handbuch für Familien gedacht war, entwickelte sich zu einem Manifest der italienischen Küche.
Einer Küche, die nicht nur aus Zutaten und Techniken besteht, sondern aus Traditionen, Gewohnheiten, Kreativität und dem Ritual des gemeinsamen Essens.
Genau diese Werte inspirierten auch Italiens offizielle Bewerbung bei der UNESCO: die Idee, dass die italienische Küche über Rezepte hinausgeht und ein lebendiges Erbe aus Familienritualen, alltäglichen Gesten und kollektiven Identitäten ist, die am Tisch geprägt werden.
Getragen wurde die Einreichung von der Accademia Italiana della Cucina (AIC), der Fondazione Casa Artusi, der Zeitschrift La Cucina Italiana sowie der italienischen Regierung (Kulturministerium, Ministerium für Landwirtschaft und Ernährungssouveränität, Außenministerium). Unterstützt wurde sie von zahlreichen Persönlichkeiten aus der Branche und renommierten Expert*innen.
Was die UNESCO an der italienischen Küche auszeichnet – und was ausgeblendet wird
Die UNESCO würdigt dabei ausdrücklich keine einzelnen Gerichte, sondern das, was die italienische Küche besonders macht:
[…] eine gemeinschaftliche Aktivität, bei der die Vertrautheit mit Lebensmitteln, der Respekt vor den Zutaten und gemeinsame Momente am Tisch im Vordergrund stehen. Diese Praxis hat ihre Wurzeln in Rezepten gegen Lebensmittelverschwendung und der Weitergabe von Aromen, Fertigkeiten und Erinnerungen über Generationen hinweg. Sie ist ein Mittel, um mit der Familie und der Gemeinschaft in Kontakt zu bleiben, sei es zu Hause, in der Schule oder bei Festen, Zeremonien und gesellschaftlichen Zusammenkünften. […]
Als Teil der großen AIC-Familie – und als Italienfan – freue ich mich über diese Auszeichnung. Gleichzeitig klingt sie für mich auch erstaunlich allgemein, fast mehr nach Wunsch als nach gelebter Realität. Mit diesem Empfinden bin ich nicht allein.
Kritik aus der Wissenschaft: Der Mythos italienische Küche
Der Gastrokritiker Valerio M. Visitin des Corriere della Sera, der Koch und Historiker Luca Cesari sowie der Ernährungshistoriker Alberto Grandi gehören zu jenen Stimmen, die nicht uneingeschränkt in die Lobhudelei einstimmen. Grandi ist Professor für Ernährungsgeschichte und Geschichte der europäischen Integration an der Universität Parma. 2020 erschien die italienische Version seines Buches „Mythos Nationalgericht. Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche“.*
Als das Buch erschien, wurde Grandi – insbesondere von rechten Politikern wie Matteo Salvini – als Verräter und Nestbeschmutzer beschimpft. Nicht wenige neapolitanische Pizzabäcker hätten ihn am liebsten am nächsten Laternenpfahl baumeln sehen, erzählt Grandi in einem Interview.
Gemeinsam mit Daniele Soffiati stellt er seit 2020 im Podcast DOI – Denominazione di Origine Inventata Folge für Folge ein Lebensmittel, ein Gericht oder Getränk vor, ordnet es historisch ein und entlarvt Mythen und Klischees über die kulinarische Tradition. Inzwischen sind sie bei Folge 110 angekommen – und du ahnst es schon: Es geht um „La cucina italiana esiste – per l’Unesco“.
Alberto Grandi kritisiert besonders, dass die UNESCO ein vereinfachtes Bild der italienischen Küche festschreibt. In der italienischen Tageszeitung Domani schreibt er:
[…] wir haben den einfachen Weg gewählt: eine beruhigende und touristisch lukrative Idee zu verschönern, als wäre sie eine einzige jahrtausendealte Tradition. Eine Küche, die paradoxerweise nie existiert hat. Eine große verpasste Chance. Wir hätten uns der Welt mit unserer Wahrheit präsentieren können: einer Geschichte von Elend, Einfallsreichtum, Improvisation, Migration und ständigem Wiederaufbau. Wir haben uns für die Postkarte entschieden. […]
Er führt weiter aus, dass die Küchen Frankreichs und Japans
[…] weiterhin wie ein lästiger Wurm an den Köpfen unserer Gastronationalisten nagen: Wenn die ‚wahre‘ Haute Cuisine die französische war und Japan der Gipfel ritueller Reinheit darstellte, was hatten wir dann zu bieten, außer dem üblichen Repertoire an Pasta, Soßen und Streitigkeiten darüber, wie man Carbonara wirklich zubereitet? […]
Warum die italienische Küche historisch jung und regional geprägt ist
Die italienische Küche ist eine Geschichte von Armut, Improvisation, Wanderbewegungen, Migration und kontinuierlichem Wiederaufbau. Historisch betrachtet ist sie eine junge Küche. Die italienische Küche gibt es ohnehin nicht – vielmehr müsste von den vielen regionalen italienischen Küchen gesprochen werden.
Pasta wurde lange Zeit vor allem im Süden gegessen, unter Mussolini war sie sogar verpönt. Ihren Siegeszug trat sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg an. Alles nur Marketing? Hilfreich ist die Nominierung dafür sicherlich.
Statt diese Vielschichtigkeit auszuzeichnen, so die Kritik, wurde eine beruhigende und touristisch gut verwertbare Idee der „italienischen Küche“ geehrt – als jahrhundertealte, homogene Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Italienische Küche als politisches Symbol
Wie stark diese Erzählung politisch aufgeladen ist, zeigt ein Post von Matteo Salvini, Minister für nachhaltige Infrastruktur und Mobilität, auf X:
Die italienische Küche gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe! Sie ist die erste weltweit, die in ihrer Gesamtheit anerkannt wurde. Eine Auszeichnung für unsere Agrar- und Lebensmittelkette, die uns mit Stolz und Zufriedenheit erfüllt. Wir müssen diese überall geschätzte und nachgeahmte Exzellenz bewahren und fördern. Zum Trotz all derer, die uns Laborlebensmittel und Insekten auf den Teller bringen wollen: Es lebe unsere Küche, es lebe unsere Traditionen!
Auszeichnung als Anfang, nicht als Endpunkt
Die Gastrokritikerin Anna Prandoni sieht die Sache differenzierter. Für sie ist
die UNESCO-Erklärung kein Endpunkt, sondern der Beginn eines Prozesses.,
schreibt sie auf Linkiesta. Das bedeute, dass Italien nun Pläne zum Schutz des anerkannten Kulturerbes ausarbeiten müsse, die Weitergabe des gastronomischen Wissens von Generation zu Generation gewährleistet und
über die Jahre hinweg die Lebendigkeit der Praktiken, die das Erbe ausmachen, überwacht
werden müsse. Möge dieser Prozess gelingen.
Ganz egal, ob du alte, neue oder weiterentwickelte Rezepte kochst oder Fertiggerichte, die auch in Italien auf dem Vormarsch sind, isst. Ganz egal, ob Rigatoni, Risotto oder Couscous auf deinem Teller landen: Ich wünsche dir inspirierende Gespräche in angenehmer Gesellschaft.
Und was wäre mit Deutschland?
Als ich eine Woche nach der Bekanntgabe mit vier italienischen Freundinnen zusammensaß, kam plötzlich die Frage auf, welches deutsche Gericht wir auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes setzen würden. Die Vorschläge reichten von Weihnachtsbäckerei über grüne Soße und Spätzle bis zu Grünkohl mit Pinkel.
Unser Favorit war die Weihnachtsbäckerei – vielleicht lag es an der Jahreszeit.
Welches deutsche Gericht würdest du als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe vorschlagen – und warum? Verrate es mir gerne in den Kommentaren.
*Affiliate-Link. Wenn du über diesen Link das Buch kaufst, bekomme ich ein paar Cents. Du hast keine Nachteile, mich freut’s.
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Laura meint
Die Tradition des Weihnachtsplätzchenbackens und das deutsche Abendbrot verdienen es, als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt zu werden, da sie wichtige soziale und kulturelle Werte vermitteln. Das gemeinsame Backen von Weihnachtsplätzchen fördert den Austausch zwischen Generationen und stärkt den familiären Zusammenhalt, besonders in der Adventszeit. Auch das Abendbrot ist mehr als nur eine Mahlzeit: Es ist ein täglicher Moment des Zusammenseins, bei dem Kommunikation und Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen. Beide Traditionen sind tief im deutschen Alltag verankert und tragen zur kulturellen Identität sowie zum sozialen Miteinander bei.
Ulrike meint
Ganz deiner Meinung, liebe Laura.
Ich bin mir nur nicht so sicher, ob das Abendbrot immer noch gemeinsam eingenommen wird. Ich kenne es aus meiner Kindheit noch.