
Italiens Filmwelt brachte zahlreiche weltberühmte Regisseur*innen hervor, die das Kino nachhaltig beeinflussten. Sie erzählen universelle Geschichten aus unverwechselbaren Blickwinkeln und prägen damit Generationen von Zuschauern. Passend zur bevorstehenden Berlinale, möchte ich zehn von ihnen vorstellen, die die letzten 100 Jahre abdecken und prägen.
Da Frauen oft übergangen werden, war mir ein ausgewogenes Verhältnis wichtig – auch wenn dadurch andere große Namen fehlen. Ja, es gäbe noch viele mehr. Dennoch soll dieser kleine Ausschnitt, Lust auf italienische Filme machen, die inspirieren, bewegen und staunen lassen.
Zehn Regisseur*innen, die Italiens Kino prägen
Inhaltsverzeichnis
Alice Rohrwacher (*1981)
Regiehandschrift:
Rohrwachers Kino bewegt sich zwischen magischem Realismus und ethnografischer Beobachtung. Mit Laiendarsteller*innen, poetischer Zurückhaltung und großer Sensibilität erzählt sie vom ländlichen Italien, von Kindheit, Spiritualität und dem Verschwinden archaischer Lebensformen.
Einstiegsempfehlungen:
- Corpo celeste (2011, Nastro d’Argento für beste Nachwuchsregie)
- Le meraviglie (2014, Großer Preis der Jury, Cannes)
- Lazzaro felice (2018, Preis für das beste Drehbuch, Cannes)
Bedeutung:
Alice Rohrwacher gilt international als zentrale Erneuerin des italienischen Autorenkinos mit starkem humanistischem und feministischen Impuls.
Paolo Sorrentino (*1970)
Regiehandschrift:
Opulente Bildkompositionen, fließende Kamerafahrten und melancholische Figuren prägen Sorrentinos Stil. Er verbindet Satire, Surrealismus und existenzielle Leere zu scharfen Gesellschaftsporträts.
Einstiegsempfehlungen:
- Il divo (2008, Preis der Jury, Cannes)
- La grande bellezza (2013, Oscar für den besten fremdsprachigen Film)
- È stata la mano di Dio (2021, Großer Preis der Jury, Venedig)
- Parthenope (2024)
Bedeutung:
Paolo Sorrentino hat das italienische Kino des 21. Jahrhunderts wieder fest im internationalen Arthouse verankert.
Cristina Comencini (*1956)
Regiehandschrift:
Comencini erzählt präzise beobachtete Familien- und Beziehungsgeschichten, oft aus weiblicher Perspektive. Ihr Stil ist zugänglich, psychologisch fein und emotional nuanciert.
Einstiegsempfehlungen:
- Matrimoni (1998)
- La bestia nel cuore (2005, Oscar-Nominierung)
- Tornare (2019)
Bedeutung:
Cristina Comencini verbindet erfolgreich Autorenkino und Mainstream und stärkt weibliche Stimmen im italienischen Film.
Lesetipp:
Du willst mehr über die Entstehung eines Film erfahren? Kostümbildnerin Carola Raum hat mir Einblicke in ihre Arbeit und den Dreh auf Sardinien gewährt. Interview lesen.
Wilma Labate (*1949)
Regiehandschrift:
Labates Filme sind politisch, realistisch und engagiert. Sie beschäftigen sich mit Arbeiterbewegung, Terrorismus und weiblichen Biografien im Spiegel der Zeitgeschichte.
Einstiegsempfehlungen:
- Ambrogio (1992)
- La mia generazione (1996, Oscar-Nominierung)
- Signorina Effe (2007)
Bedeutung:
Wilma Labate steht für ein konsequent politisches Kino, das historische Erinnerung wachhält.
Marco Bellocchio (*1939)

Regiehandschrift:
Marco Bellocchio hinterfragt radikal die Grundpfeiler der italienischen Gesellschaft: Familie, Kirche, Staat. Sein Stil verbindet politische Analyse mit intensiven psychologischen Porträts.
Einstiegsempfehlungen:
- I pugni in tasca (1965, internationaler Durchbruch)
- Buongiorno, notte (2003)
- Il traditore (2019, zahlreiche David-di-Donatello-Auszeichnungen)
- Rapito (2024, Nominierung als bester ausländischer Film für den César 2024, zahlreiche David-di-Donatello-Auszeichnungen, zahlreiche Nastro d’Argento-Auszeichnungen)
Bedeutung:
Seit den 1960er-Jahren ist Bellocchio eine der unbeirrbarsten kritischen Stimmen des italienischen Kinos.
Lesetipps:
Die Filme Il traditore und Rapito haben mir so gut gefallen, dass ich über sie hier und hier geschrieben habe.
Lina Wertmüller (1928–2021)
Regiehandschrift:
Grotesk, provokant und politisch: Wertmüller verband Komödie mit Klassenkampf, Sexualpolitik und gesellschaftlicher Satire.
Einstiegsempfehlungen:
- Mimì metallurgico ferito nell’onore (1972)
- Film d’amore e d’anarchia (1973, Preis für die beste Regie, Cannes)
- Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto (1974)
Bedeutung:
Lina Wertmüller durchbrach als erste Frau mit einer Oscar-Regienominierung Geschlechtergrenzen im Weltkino.
Cecilia Mangini (1927–2021)
Regiehandschrift:
Manginis dokumentarischer Blick ist direkt, politisch und kompromisslos. Sie machte marginalisierte Lebenswelten sichtbar und verband Poesie mit sozialer Analyse.
Einstiegsempfehlungen:
- Ignoti alla città (1958)
- La canta delle marane (1961)
- Essere donne (1965, vielfach ausgezeichnetes politisches Auftragswerk)
Bedeutung:
Cecilia Mangini gilt als Begründerin des feministischen Dokumentarfilms in Italien.
Federico Fellini (1920–1993)
Regiehandschrift:
Fellinis unverwechselbarer Stil verbindet Traum, Erinnerung und Selbstreflexion. Realität und Fantasie verschmelzen zu einer zutiefst subjektiven Filmsprache.
Einstiegsempfehlungen:
- La dolce vita (1960, Goldene Palme, Cannes)
- 8½ (1963, zwei Oscars)
- Amarcord (1973, Oscar für den besten fremdsprachigen Film)
Bedeutung:
Federico Fellini prägte das internationale Autorenkino wie kaum ein anderer Regisseur des 20. Jahrhunderts.
Luchino Visconti (1906–1976)

Regiehandschrift:
Viscontis Kino ist geprägt von visueller Opulenz, historischer Präzision und melodramatischer Intensität. Seine Filme sind Studien über Macht, Klasse und Verfall.
Einstiegsempfehlungen:
- Rocco e i suoi fratelli (1960)
- Il Gattopardo (1963, Goldene Palme, Cannes)
- Morte a Venezia (1971)
Bedeutung:
Luchino Visconti verband Neorealismus mit Hochkultur und erhob das italienische Kino zur großen historischen Kunstform.
Roberto Rossellini (1906–1977)
Regiehandschrift:
Rossellinis reduzierter Stil setzt auf Authentizität, reale Schauplätze und moralische Fragen statt dramatischer Zuspitzung.
Einstiegsempfehlungen:
- Roma città aperta (1945, Grand Prix, Cannes)
- Paisà (1946)
- Germania anno zero (1948)
Bedeutung:
Roberto Rossellini legte mit dem Neorealismus das Fundament des modernen europäischen Autorenkinos.
Unter den oben genannten gefallen mir besonders die Filme von Marco Bellocchio und die Bildgewaltigen Filme von Paolo Sorrentino. Eine besondere Erinnerung habe ich an Viscontis „Il Gattopardo“, den ich erstmals mit Anfang 20 während meines Mailands-Aufenthalts gesehen habe. Welche italienische*n Regisseur*in schätzt du besonders?
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