
Auf diesem Blog taucht die italienische Mafia immer wieder auf – in Buch- und Filmrezensionen, bei Hör-, Film- und Lesetipps. Heute steht kein Medium, sondern ein Symbol im Mittelpunkt. Eines, das in Italien zu einem der sichtbarsten Zeichen Anti-Mafia-Symbole geworden ist: das weiße Laken. Alljährlich hängen sie am 21. und 23. Mai in Palermo aus Fenstern und wehen im Wind. Still, aber unübersehbar.
Dieses Land läuft Gefahr, ein immer kürzeres Gedächtnis zu haben, und das können wir uns nicht leisten, vor allem nicht gegenüber denjenigen, die ihr Leben verloren haben, damit dieses Land ein wenig gerechter werden kann. Am 23. Mai, dem 33. Jahrestag des Massakers von Capaci, sollten wir ein weißes Tuch auf unsere Balkone legen, um „Nein zur Mafia“ zu sagen.
Giovanni Amoroso und Maria Falcone, die Schwester des Richters Giovanni Falcone, haben diesen Appell heuer an alle Italiener*innen gerichtet.
Inhaltsverzeichnis
Capaci: Der Anschlag, der Italien erschütterte
Als Reaktion auf den Maxi-Prozess, bei dem 344 der 475 Mafia-Angeklagten zu mehreren lebenslangen Haftstrafenverurteilt wurden, explodierte am 23. Mai 1992 eine Autobombe auf der Autobahn bei Capaci. Getötet wurden der leitende Untersuchungsrichter des Maxiprozesses Giovanni Falcone, seine Frau Francesca Morvillo und drei Männer aus seinem Begleitschutz: Vito Schifani, Rocco Dicillo und Antonio Montinaro.
Der Angriff war mehr als ein Attentat. Er war ein Schock für ein ganzes Land. Eine Kampfansage an den Rechtsstaat. Das Capaci-Attentat war ein Wendepunkt für viele Menschen in Italien.
Die Entstehung eines Symbols: Ein Laken im Fenster
Aus der kollektiven Erschütterung wurde ein stilles, kraftvolles Zeichen. Initiiert von Marta Cimino (1950-2014) – Sozialarbeiterin, Soziologin und Tochter zweier Journalisten der Zeitung L’Ora di Palermo. Dieses Blatt war bekannt für seine unbequemen Recherchen zur Cosa Nostra und wurde gemeinsam mit den eindrücklichen Fotos von Letizia Battaglia zum Symbol des Widerstands gegen die Mafia.
Cimino war Mitgründerin des sogenannten „Laken-Komitees“. Mit einem Flugblatt rief sie die Jugendlichen und die Zivilgesellschaft von Palermo auf, aktiv Stellung zu beziehen. Zwischen dem 19. und 23. jedes Monats sollten weiße Laken mit klarer Botschaft aus den Fenstern hängen – als öffentliches Nein zur Cosa Nostra.
Der Aufruf erinnerte nicht nur an das Massaker von Capaci am 23. Mai, sondern auch an das Attentat in der Via d’Amelio am 19. Juli 1992, bei dem der Richter Paolo Borsellino und die Polizisten Eddie Walter Cosina, Vincenzo Li Muli, Emanuela Loi, Claudio Traina und Agostino Catalano ermordet wurden.
Ein Stück Stoff wird zum Aufschrei
Das Laken war kein Selbstzweck. Es ging um Haltung. Marta Cimino nannte neun konkrete Schritte für ein Leben ohne Mafia. Sie forderte, Erpressung zu melden. Rechte einzufordern – nicht als Gefallen, sondern als Bürgerpflicht. Verantwortung zu übernehmen. Mit Mut und Bewusstsein.
Schon damals war klar: Ein Laken allein reicht nicht. Symbolik braucht Konsequenz. Worte brauchen Taten.
Mut in engen Gassen
Pater Bartolomeo Sorge (1929-2020), Jesuit, der einst selbst unter Polizeischutz lebte, erzählte später von seinem stärksten Moment, als er zum ersten Mal die Laken sah – nicht im reichen Zentrum, sondern in den Arbeitervierteln Palermos. Dort, wo die Angst besonders tief saß. Dort wehten die weißen Tücher.
Denn genau dort ist Zivilcourage am meisten gefragt. In den kleinen Gesten. In den stillen Straßen. In der Nachbarschaft.
Ein Symbol, das bleibt
Seitdem haben sich die weißen Laken durchgesetzt. Auch ohne Aufschrift gelten sie heute in Italien als anerkanntes Anti-Mafia-Symbol. Als Papst Franziskus 2018 den Stadtteil Brancaccio in Palermo besuchte – jenen Ort, an dem Don Pino Puglisi von der Mafia ermordet wurde –, begrüßten ihn weiße Laken an den Balkonen.
Was bleibt
Die weißen Laken von Palermo erinnern jedes Jahr daran, dass der Widerstand gegen die Cosa Nostra nicht nur laut, sondern auch leise und stetig sein kann. Dass Gedenken nicht passiv ist. Dass jede und jeder gefragt ist. Gerade in Zeiten, in denen Korruption, Einschüchterung und Schweigen wieder lauter werden, erinnern uns die Laken an das, was zählt.“
Vielleicht ist es nur ein Stück Stoff. Aber es steht für Haltung. Und für Hoffnung.
Hast du die weißen Laken schon einmal gesehen – und wusstest du, was sie bedeuten?
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