Pastasciutta antifascista: Familie Cervi im Widerstand

Pastasciutta antifascista: Familie Cervi im Widerstand. Im Zentrum des Bild steht ein weißer, tiefer Teller in dessen Mitte Spaghetti mit einer Soße aus Parmesan und Butter liegen. Etwas geriebener Parmesan ist am Rand und über den Spaghetti zu sehen. Lins im Hintergrund ist eine kleine Glasschale mit geriebenem Parmesan zu sehen. rechts neben dem Teller liegt eine rötliche Stoffserviette.
Pastasciutta antifascista: Familie Cervi im Widerstand

In diesen Tagen wird in vielen Städten und Gemeinden Italiens und vereinzelt auch in Deutschland – etwa in München – an ein ganz besonderes Abendessen erinnert: die Pastasciutta antifascista, organisiert von der Familie Cervi. Am 25. Juli 1943 wurde Mussolini gestürzt, zwei Tage später, am 27. Juli, lud die Familie Cervi zum Gedenkessen. Ein denkwürdiges Essen, dessen Bedeutung bis heute nachhallt und jährlich zelebriert wird. Als Symbol für den italienischen Widerstand gegen den Faschismus.

Der Sturz Mussolinis und ein politisches Signal

Nach der alliierten Landung auf Sizilien plädierten führende Faschisten aus ganz unterschiedlichen Gründen für das Zusammentreten des Faschistischen Großrats (Gran Consiglio del Fascismo). Er war das höchste beratenden Gremium der Partei und seit 1932 de facto des italienischen Staates.

Der Großrat trat am 24. Juli zusammen und verabschiedete nach zehnstündiger Debatte am frühen Morgen des 25. Juli eine Resolution: König Viktor Emanuel III. solle den Oberbefehl über die Streitkräfte zurückerlangen, den Mussolini seit 1940 innehatte. Der König folgte nicht nur dem Vorschlag, er ging sogar einen Schritt weiter. Er entließ Mussolini auch als Ministerpräsidenten. Direkt im Anschluss wurde Mussolini verhaftet und in eine Kaserne gebracht.

Die Familie Cervi hörte die Nachricht im Radio

Am Abend des 26. und am Morgen des 27. Juli wurde die Absetzung Mussolinis offiziell verkündet. Auch die Familie Cervi, Landwirte aus der Emilia-Romagna und überzeugte Antifaschisten hörte davon im Radio. Die Familie bestand aus Vater Alcide, Mutter Genoeffa, ihren sieben Söhnen Gelindo, Antenore, Aldo, Ferdinando, Agostino, Ovidio, Ettore sowie den beiden Töchtern Diomira und Rina. Aus Freude über das Ende des Regimes beschlossen sie, auf dem Platz des Ortes Campegine ein Abendessen zu organisieren und damit ein klares Zeichen zu setzen: Sie luden Nachbarn, Freund*innen und politische Weggefährten zu einer Pastasciutta antifascista ein. Es war ein Tag des Feierns, ein erster Hauch von Freiheit in Erwartung der ersehnten Demokratie.

Pasta: Ein antifaschistisches Statement

Pastasciutta antifascista: Familie Cervi und ihr Widerstand. Im Zentrum des Bild steht ein weißer, tiefer Teller in dessen Mitte Spaghetti mit einer Soße aus Parmesan und Butter liegen. Etwas geriebener Parmesan ist am Rand und über den Spaghetti zu sehen. Rechts im Hintergrund ist ein Stück Parmesan und eine Parmesanreibe zu sehen. Rechts neben dem Teller liegt eine rötliche Stoffserviette.
Pastasciutta antifascista: Familie Cervi und ihr Widerstand

Pasta als Gericht wurde nicht zufällig ausgewählt. Sie war ein bewusstes politisches Statement. Für Mussolini und die italienischen Faschisten galt Pasta als „feindliches Gericht“, das es zu reduzieren galt.

Warum? Pasta wird aus Weizen gemacht, und Weizen musste häufig importiert werden. Ein Problem für die faschistische Autarkiepolitik. Zudem betrachteten die Faschisten Pasta nicht als uritalienisch, sondern als Produkt aus der Emigration. Süditaliener*innen brachten es nach Amerika. Dort kamen auch Italiener*innen anderer Regionen in Kontakt und brachten das Gericht von dort zurück.

Die Mengenangaben für das Abendessen schwanken: Zwischen 300 und 1000 Kilogramm Pasta sollen aufgetischt worden sein. Gemacht aus einfachen Zutaten: Mehl und Wasser für die Pasta und mit etwas Butter und Parmesan verfeinert – eine Pastasciutta eben. Kein Gourmetgericht, aber ein starkes Zeichen in einer schweren Zeit.

Opfer für die Freiheit: Die Tragödie der Familie Cervi

Vier Monate nach dem Abendessen – Mussolini war inzwischen durch deutsche Truppen befreit worden und hatte die Republik von Salò (1943–1945) gegründet – wurden Vater Alcide und seine sieben Söhne verhaftet. Im Dezember 1943 wurden die Söhne ohne Prozess erschossen. Sie waren zwischen 22 und 42 Jahren alt.

Der Vater blieb in Haft. Ein alliierter Bombenangriff auf das Gefängnis in Reggio Emilia ermöglichte ihm die Freiheit. Erst zuhause erfuhr er, dass alle seine Söhne tot waren. Die Mutter, von Schmerz und Trauer überwältigt, starb ein Jahr später an den Folgen eines Herzinfarkts, der Vater im Jahr 1970.

Pastasciutta antifascista heute: Erinnerungskultur und Zivilcourage

Den Tag der Pastasciutta antifascista zu begehen, bedeutet, sich der italienischen Geschichte bewusst zu werden und wachsam zu bleiben gegenüber faschistischer Nostalgie, die auch heute wieder spürbar ist. Sieben Brüder gaben ihr Leben für eine Idee: Freiheit, Demokratie, Menschlichkeit.

Ihres Andenkens zu gedenken, diesen Tag zu feiern – mit einem einfachen Teller Pasta – ist ein Akt der Zivilcourage. Für die italienische Demokratie, für die europäische Erinnerungskultur, für uns alle.

Rezept Pastasciutta

Zutaten für eine Person

  • 100 g Spaghetti
  • 40 g Butter
  • 40 g Parmesankäse

Zubereitung

Reichlich Salzwasser in einem hohen Topf zum Kochen bringen. Die Spaghetti ins Wasser geben. Spaghetti entsprechend der Packungsangabe kochen und abgießen. Das Kochwasser jedoch vorerst aufbewahren.

Die Spaghetti in eine erhitzte Pfanne geben und mit ein paar Kellen Kochwasser kräftig umrühren, so dass eine Art Creme aus der Stärke der Nudeln entsteht. Vom Herd nehmen und Butter und Parmesan unter ständigem Rühren hinzugeben.

Bei Bedarf noch etwas Nudelwasser hinzugeben.

 

Du möchtest mehr erfahren? Das Casa Cervi in Gattatico ist heute ein Museum, ein Ort des Erinnerns und des Handelns. Adelmo Cervi, Sohn von Aldo Cervi, hat das Buch „Meine 7 Väter. Als Partisan gegen Hitler und Mussolini“ geschrieben. Aufgezeichnet von Giovanni Zucca, übersetzt von Gernot Trausmuth und im Verlag Mandelbaum erschienen. Es ist eine Antwort auf das Buch seines Großvaters Alcide Cervi, „I miei sette figli“ (nur auf Italienisch).

 

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