Mich interessiert, Kreativität zu stimulieren

Mich interessiert, Kreativität zu stimulieren

Mich interessiert, Kreativität zu stimulieren. Durch den Bühneneingang betrete ich das Bockenheimer Depot, das an diesem frühsommerlichen Nachmittag so ganz anders aussieht, als ich es von Opernaufführungen kenne. Jacopo Godani, der Choreograph und Künstlerische Direktor der Dresden Frankfurt Dance Company wandert mit seiner Mund-Nasen-Maske immer wieder an den Tänzer*innen vorbei, gibt Anweisungen, macht Fotos. Die Sonne scheint durch die großen Fenster und bildet einen Lichtkegel auf dem Tanzboden. Es herrscht eine entspannte Stimmung.

Proben mit Sicherheitsabstand

Die Tribüne des Depots ist weggeräumt, stattdessen befindet sich in der Mitte ein riesiger Tanzboden. Darauf zahlreiche rote Markierungen, die die Tanzfläche für die Tänzer*innen und die Laufwege markieren. Ca. 20 mgroß ist jedes dieser Rechtecke, innerhalb dessen je eine*r trainiert und das aktuelle Stück probt. Zwischen den Tanzenden beträgt der Abstand 3 m. Hinter jedem Rechteck steht ein Stuhl, am Rand liegen persönliche Habseligkeiten der Tänzer*innen. An den Seiten stehen die Stangen für das morgendliche Balletttraining, in einer Ecke hochgestapelte Stühle und Technik-Equipment.

Mich interessiert, Kreativität zu stimulieren
Gleich im vordersten Rechteck sitzt Roberta Inghilterra tief versunken und näht an ihrem Kostüm. David Leonidas Thiel wirkt wie ein großer schwarzer Pompon, er bewegt sich, zieht sein Kostüm wieder aus – so ganz zufrieden scheint er mit seiner Kreation noch nicht zu sein. Auch Tars Ian Vandebeek bewegt sich, eingewickelt in Stoffe, die ihn geradezu verschlingen, so dass kaum noch zu erkennen ist, wo oben und wo unten ist. Das alles findet noch ohne Musik statt. Ein Techniker der Kompanie achtet darauf, dass sich die Tänzer*innen nicht zu nahekommen, was im Eifer des Gefechts ja mal passieren kann. Solange ich dort war, musste er allerdings nie einschreiten.

Roberta Inghilterra feilt an ihrem Kostüm

Tars Ian Vandenbeek

Selflessness Selbstlosigkeit

Ich beobachte die Proben zu Selflessness – Selbstlosigkeit, einer Performance-Installation, die während der strengen Kontakt- und Versammlungseinschränkungen ihren Ursprung hatte. Damals war an ein gemeinsames Training nicht zu denken. „Einen Alltag gab es für uns nicht wirklich, da für uns alles geschlossen war, und der Tanz, der ja so körperlich ist und bei dem wir uns auch so nahekommen, konnte einfach nicht stattfinden“, erzählt mir Felix Berning, einer von 9 Tänzern. Trainings, Proben und Vorstellungen wurden abgesagt, alle 16 Ensemblemitglieder waren zuhause. Sie waren zwar in Kontakt, aber eben nicht tänzerisch.

Farbe, Kostüme und kreative Ideen

Nach vier Wochen zu Hause und Abstinenz vom Publikum wollte Godani mit seiner Kompanie wieder kulturelle Präsenz zeigen. Der Tanzraum war das Netz – die Social Media. Einige kulturelle Institutionen hatten bereits angefangen ihre Projekte im Netz zu präsentieren. Das waren in erster Linie Ballettübungen, Menschelndes und spontane Handlungen. Godani hingegen wollte ein richtiges Projekt: „Also setzte ich mich hin und schrieb ein Libretto – mit Ideen und wie diese Performances sein sollen, was drin sein soll. Es musste Farbe haben, es musste Kostüme haben, es musste kreative Ideen beinhalten. Wir haben sehr viel geredet über das Prinzip dieser Idee.“

Mich interessiert, Kreativität zu stimulieren

Selflessness als Gegenposition

Obwohl die Kompanie für ihr Präsenz Social Media nutzt, ist ihre Performance auch ein kritischer Umgang mit ihnen. Godani findet vor allem Instagram sehr oberflächlich – „zu viel Chichi“. „Jeder benutzt Social Media, um ein kleiner Superstar zu sein, um sich zu zeigen“, fährt er fort. Selflessness ist für ihn die Gegenposition dazu und der teilweise daraus resultierenden Oberflächlichkeit und Inhaltslosigkeit. Deshalb zeigen die Tänzer*innen auch kein Gesicht, sind ohne Make-up. Die Körper sind nicht erkennbar, geradezu deformiert. Man sieht nicht, was ist vorne, was ist hinten, wo ist oben, wo ist unten.

Kreativität stimulieren

Bei den Videoaufzeichnungen sollte auch das heimische Umfeld der Tänzer*innen auf keinen Fall erkennbar sein, was gar nicht so einfach war. „Wenn du kreativ bist, findest du immer einen Weg. Das gefällt mir, das interessiert mich – Kreativität zu stimulieren“, sagt Godani.
„Es war aufregend sich mit diesen Einschränkungen, innerhalt dieser Grenzen künstlerisch auszudrücken. Das war am Ende des Tages eine schöne Herausforderung“, meint Berning. „Für alle war es etwas vollkommen Neues.“ Und damit meint er nicht nur die „Heim-Performance“, sondern auch die Videos zu erstellen, zu schneiden, mit Musik zu unterlegen. Dinge, in denen die Tänzer*innen nicht sehr geübt sind und in die sie sich einarbeiten mussten.

Regelmäßige Zoom-Calls

Es gab regelmäßig Zoom-Calls mit Godani, der seine Visionen darlegte und in denen die Tänzer*innen, wie das bei der Company üblich ist, gemeinsam am Konzept arbeiteten. Videos wurden gedreht und an Godani geschickt. Er gab Feedback: „in die Richtung schon super gut, der erste Teil gefällt mir, arbeite in die Richtung noch ein bisschen weiter oder mach’s noch ein bisschen länger, mach’s da ein bisschen kürzer, mach’s ein bisschen verrückter“. Godani ist sehr anspruchsvoll. Die Kompanie-Mitglieder kennen ihn aber mittlerweile, wissen, wie er tickt und was er will. Und sie können mit seinen Korrekturen gut umgehen. Darin unterscheidet sich die Heimarbeit auch nicht vom normalen Alltag der Dresden Frankfurt Dance Company.

Das Bild vervollständigen

Seit Kurzem können die Tänzer*innen wieder gemeinsam trainieren und proben. Erst in ihrem Studio im Frankfurter Gallusviertel, aktuell im Bockenheimer Depot mit seinem überdimensionierten Tanzboden. Angelehnt an die zuhause entstandenen Videoclips, die du dir bei Instagram und Facebook ansehen kannst, geht Selflessness jetzt in die nächste Phase.

Mich interessiert, Kreativität zu stimulieren

Jedes Kompanie-Mitglied entwickelt eine sich bewegende lebende Skulptur. Die Bewegungen sollen relativ statisch sein, aber dennoch interessant. Auch an den Kostümen muss weitergearbeitet werden. Zuhause erstellten die Tänzer*innen ihre Kostüme aus dem, was ebenso da war. Jetzt werden sie weiterentwickelt. Berning etwa zeigte in seinen Videoclips immer nur seinen Oberkörper. Nun muss er ein Kostüm konzipieren, das auch die Beine einbezieht – die Vervollständigung des Bildes.

Am kommenden Sonntag ist nun Premiere. Gestern war ich noch einmal bei einer Beleuchtungsprobe vor Ort. In den zwei Wochen, die seit dem Gespräch und dem 1. Probenbesuch vergangen sind, sind lebendige, deformierte und auch dissonante Skulpturen entstanden.

Wen du Lust bekommen hast hinzugehen – Karten gibt es an der Vorverkaufskasse der Städtischen Bühne oder an der Tages- und Abendkasse.

 

 

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DiscIaimer

Ich mache für das Projekt Selflessness der Dresden Frankfurt Dance Company die PR. Für diesen Artikel wurde ich weder bezahlt noch wurde Einfluss genommen. Ich habe ihn aus Begeisterung für das Projekt geschrieben. Außerdem passt er wunderbar zu meiner Mini-Serie Italiener*innen im Lockdown. Jacopo Godani ist Italiener, auch wenn die Situation hier etwas anders ist, als für die bildenden Künstler*innen, über die ich berichtet habe.

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