
Alljährlich am 7. Dezember richtet sich der Blick Italiens auf ein einziges Haus: das Teatro alla Scala in Mailand. Die Opernsaison wird eröffnet, die Prima gefeiert. Normalerweise füllt sich der Saal mit Prominenz aus Showbiz, Wirtschaft und Politik. In diesem Jahr blieben bis auf die lokalen Vertreter*innen – etwa Mailands Bürgermeister – die Politiker*innen auffällig fern.
Die Karten sind unerschwinglich. Auf der Bühne stehen – traditionell – die großen Namen der Operngeschichte und der Gegenwart: Maria Callas, Montserrat Caballé, Diana Damrau, Anna Netrebko, Luciano Pavarotti, Plácido Domingo, Jonas Kaufmann. Sie prägen den Mythos des Opernhauses mit.
Inhaltsverzeichnis
Dokumentarfilm über die Menschen hinter der Bühne
Doch was ist mit all jenen, ohne die der Abend niemals stattfinden würde? Am 18. Dezember startete in den deutschen Kinos der Dokumentarfilm „La Scala – Die Macht des Schicksals“. Die französische Regisseurin Anissa Bonnefont richtet den Blick genau dorthin, wo sonst selten hingeschaut wird: in die Werkstätten und hinter die Kulissen der größten Opernproduktion der Welt.
Über mehrere Monate begleitet ein Filmteam die Vorbereitungen zur Premiere von Verdis „La forza del destino“ – von den ersten Gesprächen und Proben bis zum Moment, an dem sich der Vorhang hebt. Im Mittelpunkt stehen nicht die Stars auf der Bühne, sondern die Fachleute der zahlreichen Gewerke: Bühnenbildner*innen, Schneider*innen, Schreiner*innen, Maskenbildner*innen, Beleuchter*innen, Techniker*innen.
La Scala – Die Macht des Schicksals
Eine zentrale Rolle nimmt der Opernregisseur Leo Muscato ein. Seine Regieanweisungen und Gespräche mit dem Maestro Riccardo Chailly, den Abteilungen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Die Solist*innen – Anna Netrebko, Brian Jagde, Ludovic Tézier – bleiben bewusst im Hintergrund. Der Film verzichtet auf Interviews oder erklärende Kommentare. Die Kamera beobachtet. Und genau darin liegt seine Stärke.
Dieser Dokumentarfilm gibt all jenen eine Stimme, die sonst kaum wahrgenommen werden – und zeigt, wie aus harter Arbeit und Leidenschaft hinter den Kulissen der Mythos der Mailänder Scala entsteht.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Regie, Gewerke und Zusammenarbeit
Als Zuschauerin erleben wir, wie genäht, gehämmert, gebohrt, gemalt und geschreinert wird. Diskussionen, Entscheidungen, Zweifel – alles fließt ineinander. Wir sehen, wie Regieanweisungen entstehen, Tänzerinnen ausgewählt werden und wie ein riesiges Gefüge aus Menschen, Material und Ideen zusammenwächst.
Die Werkstätten der Scala in der Zona Tortona
Das Filmteam entführt uns in die Werkstätten im ehemaligen Industriekomplex der Ansaldo-Stahlwerke in der Zona Tortona, Mailand. Auf rund 20.000 Quadratmetern entsteht ein Großteil der Bühnenausstattungen – eine Mischung aus Manufaktur und Opernatelier.
Bühne, Kostüm und Krieg als Gegenwart
Das Bühnenbild der gigantischen Drehbühne stammt von Federica Parolini. Innen- und Außenräume gehen fließend ineinander über: vom Gartenidyll zu Kriegs- und Trümmerlandschaften. In jedem Akt nimmt das Kostümbild Bezug zu Kriegsgeschehen verschiedener Jahrhunderte – eine stille, aber eindringliche Aktualisierung von Verdis Oper.

Der Premierentag – wenn alles zusammenkommt
Der Film ordnet nicht ein. Er bewertet nicht. Er beobachtet, wie die einzelnen Gewerke auf die große Premiere hinarbeiten – bis zum entscheidenden Tag.
Am Tag der Premiere wird das Opernhaus festlich geschmückt. Die roten Polster der Sessel werden gebürstet, Kronleuchter poliert, Teppiche gesaugt. Spürhunde gehen durch die Reihen. Jeder Handgriff sitzt. Und dann: Die Nationalhymne erklingt. Der Vorhang hebt sich. Die Premiere beginnt.
Oper für alle? Übertragungen in Mailand, im TV und im Gefängnis
Die Saisoneröffnung 2024/25 wurde auf einer riesigen Leinwand in der Galleria Vittorio Emanuele, im italienischen Radio und Fernsehen übertragen – und sogar für Häftlinge zugänglich gemacht. Ein starkes Zeichen dafür, dass Oper nicht nur elitärer Ausnahmezustand ist, sondern Teil einer gemeinsamen kulturellen Erfahrung sein kann.
Warum dieser Film den Mythos Scala neu erzählt
„La Scala – Die Macht des Schicksals“ ist eine Hommage. Nicht an Stars, sondern an die vielen Unsichtbaren. Und gerade deshalb ein Film, der den Mythos Mailänder Scala neu und überraschend erfahrbar macht.
Tipp: Führungen und Werkstattbesuche
Die Scala bietet nicht nur Führungen durch das Opernhaus und das Scala-Museum* an, sondern auch geführte Touren durch die Werkstätten. Wer nach dem Film selbst sehen möchte, wo Bühne, Kostüm und Illusion entstehen, findet auf der Seite der Mailänder Scala Infos und Buchungsmöglichkeiten.
Persönliche Erfahrung
Für mich als gelernte Schneiderin, die auch mal damit geliebäugelt hat, Kostümbildnerin zu werden, war dieser Blick hinter die Kulissen besonders spannend. Zu erleben, wie in den Werkstätten kreiert und gefertigt wird und schließlich alles zu einem Ganzen zusammenkommt, war sehr beeindruckend. Ich werde mir die Premiere nun in der Rai-Mediathek ansehen und bei meinem nächsten Mailandbesuch auf jeden Fall die Werkstätten besuchen.
Der Film „La Scala – Die Macht des Schicksals“ ist eine Produktion von Federation Studios und MDE Films in Koproduktion mit Rai Documentari und France Télévisions, unterstützt von Rolex, und wird in Deutschland von Neue Visionen Filmverleih vertrieben. Ein Übersicht, wo der Film aktuell läuft, findest du auf der Film-Webseite.
* Affiliate-Link: Wenn du über diesen Link eine Tour buchst, bekomme ich ein paar Cents. Nicht viel, mich freut’s dennoch und du hast keine Nachteile.
Weiterlesen
Eröffnung der Opernsaison an der Mailänder Scala
Mein Besuch im Gran Teatro La Fenice in Venedig
Mein Besuch im Teatro San Carlo in Neapel
Top 15 der italienischen Sinfonieorchester
Anja meint
Liebe Ulrike, ich habe deinen Blog zufällig entdeckt als ich zu Dolce&Gabbana recherchiert habe, die Ausstellung habe ich leider an keinem Ort geschafft, aber dank deiner Beschreibung habe ich das Gefühl selbst ein bisschen drin gewesen zu sein. Vielleicht kommt sie nochmal nach Europa.
Durch alles andere arbeite ich mich jetzt langsam durch, ich bin sehr begeistert, teile viele deiner Eindrücke (war selbst in den späten 80ern als Au-pair in Rom, dachte ich hätte die weltbeste Familie gehabt und besuche sie auch noch regelmäßig).
Wenn ich im März nach Trieste fahre, werde ich sicher nochmal auf die Blogbeiträge zu Trieste schauen (und die Lektüre vorher lesen). Der Scala Film läuft noch und die Fotoausstellung kriege ich mit viel Glück am nächsten Wochenende hin. Danke für all deine Tipps.
Die Termine in der Deutsch-Italienischen Vereinigung muss ich auch mal im Blick behalten, irgendwie war ich da erst ein einziges Mal.
Irgendwo – mglw. auch auf Insta – fragst du, was deine Leser vermissen könnten, ich wundere mich ein wenig, dass du bisher nie Verso Sud erwähnt hast, wohin ich mit Begeisterung Jahr für Jahr gehe, aber da du offensichtlich Zugang zu raiplay hast, reicht dir vielleicht das Filmangebot dort. Ganz lieben Gruß aus dem Nordend, Anja
Ulrike meint
Liebe Anja,
ich bin mir sicher, dass die D&G-Ausstellung noch weiterzieht. Ich hoffe, sie kommt auch noch nach Deutschland.
Unsere Au-pair-Familien teilen sich somit den Platz der weltbesten Familie. 🙂 Du hast die weltbeste in Rom, ich die weltbeste in Mailand.
Nachdem ich eben schon auf deinem Blog war, bin ich mir sehr sicher, dass dir der Scala-Film gefallen wird. Bei Verso Sud hast du vermutlich auch den Film Diamanti gesehen? Ich schaue mir dort auch regelmäßig Filme an, ich berichte nur selten darüber. Dafür berichte ich über Cinema Italiana, ein italienischer Filmabend im Kino Casablanca in Bad Soden, der einmal pro Monat stattfindet.
Möglicherweise sehen wir uns demnächst mal bei der DIV? Ich bin regelmäßig bei Veranstaltungen.
Grüße aus dem Westend
Ulrike
Anja meint
Ja, Diamanti hat mich begeistert. Von dem Abend in Bad Soden höre ich auch zum ersten Mal, wir sehen uns bestimmt einmal, ich dachte, dass ich voll den Überblick hätte, was italienische Sachen in Rhein-Main befrifft .-), lg Anja