
Es ist Samstagnachmittag. Carmelo Virga und ich treffen uns ganz „deutsch“ zu Kaffee und Kuchen im Münsterland. Carmelo kam 1962 als Gastarbeiter nach Deutschland, fünf Jahre, nachdem das deutsch-italienische Anwerbeabkommen unterzeichnet wurde. Dieses Abkommen ermöglichte unzähligen Gastarbeiter*innen, in Deutschland zu arbeiten.
Die Bezeichnung „Gastarbeiter“ trifft bei Carmelo allerdings gar nicht zu. Er war von Anfang an gekommen, um zu bleiben. Schon bei seiner Ankunft in Greven sagte er zu seinem Vater: „Ich fahre nicht zurück.“ Denn in Sizilien, in seinem Herkunftsort San Giovanni Gemini in der Provinz Agrigent, sah er für sich keine Perspektive. Mit dieser Einstellung war Carmelo nicht nur in seiner eigenen Familie, sondern auch unter den Gastarbeiter*innen eine Ausnahme. Denn wie das Wort „Gastarbeiter“ schon suggeriert, sollten die Arbeitskräfte als Gäste, auf Zeit, nach Deutschland kommen und dann wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren.
Von San Giovanni Gemini nach Greven
Warum ausgerechnet Greven, eine Kleinstadt im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen, frage ich Carmelo. „Weil dort schon meine Cousine und andere aus meinem Ort beschäftigt waren.“ Wenn vom Anwerbeabkommen gesprochen wird, ist meist die Rede von Gastarbeitern, selten von Gastarbeiterinnen. Im Fall von Carmelo war es jedoch seine Cousine, die im Jahr 1958 Mann und Kind zurückgelassen hatte, weil sie mit dem Anwerbeabkommen einen Arbeitsvertrag für Deutschland erhalten hatte. Ihre Familie zog später nach.
Sie sorgte auch dafür, dass Carmelos Vater vier Jahre später nach Deutschland kam. Denn kaum war eine Gastarbeiterin, ein Gastarbeiter in Deutschland eingetroffen, sprachen die Unternehmer sie an, ob sie nicht noch weitere Leute kennen würden, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen wollten. So groß war der Arbeitskräftemangel in Zeiten des Wirtschaftswunders.
Bei einem Heimatbesuch fragte daher die Cousine Carmelos Vater, ob er nicht nach Deutschland zum Arbeiten kommen wolle. Mit dessen Schuhmacherei lief es immer schlechter. Also sagte er ja und kam im September 1962 – mit über fünfzig Jahren – nach Greven. Kaum angekommen, wurde er von den dortigen Verwandten und Freunden bestürmt, wo denn sein Sohn sei und warum er ihn nicht mitgebracht habe.
Carmelo zögerte nicht lange, als er davon erfuhr:
Ja, so schnell konntest du nicht gucken, wie ich zum Fotografen bin, Bilder hab’ machen lassen, zum Amt gegangen bin und einen Personalausweis beantragt habe. Dieser musste zur Polizeibehörde und ich erhielt dann ein zusätzliches Blatt in der Größe des Personalausweises, gestempelt und daran festgetackert. Damit war ich ausreisefähig.

Ankunft in Deutschland
Am Freitag, 28. Dezember 1962 stieg der damals Sechzehnjährige bei plus 18 Grad in Sizilien in den Zug und fuhr durch Italien, Österreich und halb Deutschland. Rund 2500 Kilometer und zwei Tage später erreichte er am Sonntag, den 30. Dezember 1962 bei minus 18 Grad Greven. Der erste Schock für den wärmeverwöhnten Jungen: Der Winter 1962/63 war einer der kältesten in Deutschland. Es war Wochenende, dann kam Silvester, Neujahr und am 2. Januar 1963 marschierte Carmelo direkt zum Einwohnermeldeamt, um eine Lohnsteuerkarte sowie eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis – auf ein Jahr befristet – zu beantragen. An seiner Seite: Paolo Ferrari, Kriegsgefangener, der in Deutschland geblieben war und nun für die Neuankömmlinge übersetzte. Ohne deutsche Sprachkenntnisse fing Carmelo einen Tag später beim Textilunternehmen Biederlack an zu arbeiten, ein Unternehmen, das heute noch existiert und Wolldecken herstellt. Carmelos erste Tätigkeit dort war in der Rauerei, einer Abteilung, in der die gewebten Decken aufgeraut wurden, damit sie auch wärmten.
Vom Hilfs- zum Facharbeiter
Ab dann arbeitete er sich Stück für Stück hoch: Vier Monate später fragte der Meister den kaum siebzehnjährigen Carmelo, ob er Überstunden machen wolle. Dieser überlegte nicht lange, zumal sein Vater mit gebrochenem Bein im Krankenhaus lag, nur Krankengeld bekam und die zurückgebliebene Familie in Sizilien finanziell versorgt werden musste. Zusätzlich zu seiner Tätigkeit in der Rauerei war er nun in der Werkstatt tätig, in der die Maschinen gewartet wurden.

Zwei Jahre später empfahl ihm der Industriemeister, sich bei der Firma Peter Busch in Münster zu bewerben. Für seine aktuelle Tätigkeit sei er doch viel zu schade. Gesagt, getan: Im April 1965 fing Carmelo bei dem Bauunternehmen als Hilfsarbeiter beim Einschalen an und verdiente bereits 1,20 DM mehr in der Stunde als bei Biederlack. Die Arbeit war am Anfang hart. Für Carmelo hieß es, Zähne zusammenbeißen und durch. Bereits im Juni erhielt er einen Facharbeiterlohn von 4,10 DM und verließ das Baugewerbe 1976 als gehobener Facharbeiter.
In den folgenden Jahren hatte er verschiedene Tätigkeiten in unterschiedlichen Gewerben – Fenster- und Türeneinbau – immer im Bereich Hausbau. 1982 verlor er aufgrund von Umstrukturierungen seine Arbeit. Doch er konnte eine Umschulung machen und begann ab 1983 eine Ausbildung zum Tischler beim Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) mit Praktika in verschiedenen Schreinereien. In diesem Beruf arbeitete er mehrere Jahre, bis er zum Landschaftsverband als Hausmeister wechselte und dort bis zu seiner Rente blieb.
Ein Zimmer, Kohleofen, Toilette im Schweinestall
Als Carmelo 1962 in Greven ankam, hatte sein Vater glücklicherweise schon eine winzige Wohnung, ein Kellerraum, 15 Quadratmeter groß. Rechts vom Eingang ein Kohleherd zum Kochen und Heizen, zwei Betten, ein Kleiderschrank, ein weiterer Schrank für Utensilien, ein Schränkchen für die elektrischen Kochplatten, auf denen sie im Sommer kochten. Das Plumpsklo lag im Schweinestall. Wohnraum war knapp. Jeder zur Verfügung stehende Raum wurde vermietet. Vater und Sohn waren froh, dass sie diese eigenen vier Wände hatten.
Sauerkraut und Pasta
Zum ersten Mal kam Carmelo mit der deutschen Küche in Berührung, als er 1963 seinen Vater im Krankenhaus besuchte. Die Nonnen merkten, dass er allein auf sich gestellt war, und boten ihm etwas zu essen an: Kartoffelpüree, Sauerkraut und Würstchen. Etwas zögerlich probierte Carmelo. Es nicht zu essen, war keine Option. Er wollte niemanden brüskieren und sich auch nicht die Chance auf weitere Essen entgehen lassen. Seine Skepsis war unbegründet: Das deutsche Gericht schmeckte ihm.
Mit dem Vater kochte er soweit möglich sizilianisch, zur Arbeit nahmen sie Butterbrote mit. Pasta und Parmesankäse in Tütchen gab es zu kaufen. Italienische Lebensmittelgeschäfte kamen erst in den 1970er Jahren auf. Allein auf sich gestellt, war Improvisation beim Kochen gefragt.
Integration am Arbeitsblatt
Die beste Integration für Carmelo war der Arbeitsplatz, die Gespräche mit den deutschen Kollegen. So lernte er Deutsch. Einen Kurs hat er nie besucht. Wann auch? Lieber hielt er sich an die Deutschen, um die Sprache schnell und gut zu lernen – und um sich zügig zu integrieren. Viele andere Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter – darunter auch Carmelos Vater – weigerten sich, Deutsch zu lernen, weil für sie feststand, dass sie irgendwann in ihr Heimatland zurückkehren würden.
Außer den Arbeitskollegen half Carmelo die christliche Jugendarbeit:
Ich hab’ gedacht, wenn du hier in diesem Kreis bleibst, dann kommst du nicht unter die [deutschen] Leute. So nach gut sechs Monaten habe ich mich von den Italienern abgesondert. Ich bin immer mit ihnen in Kontakt geblieben, wenn da irgendwo Hilfe nötig oder eine Aktivität war, war ich immer dabei. Die konnten mich damals wie heute immer um Hilfe rufen. Aber mein ganzer Gedanke war: ‚Du musst dich integrieren!‘ Im Januar 1963 kam ich hier an, im Oktober 1963 hatten wir fünfzehnjähriges Bestehen der CJV Greven und da war ich voll drin und ich wurde so akzeptiert, wie ich war.

Doppelte Haushaltsführung und Familiennachzug
In den ersten zehn, fünfzehn Jahren wanderte Carmelos Lohn in den Familientopf: auf das Konto des Vaters in Sizilien für die zurückgebliebene Familie, Verwandten und den Existenzaufbau in der Heimat. Für Carmelo selbst blieb nur ein schmales Taschengeld.
Die meisten Italiener, auch sein Vater, hatten nur ein Ziel vor Augen: Möglichst schnell viel Geld verdienen und dann zurück nach Italien. Nur Carmelo nicht. Schließlich waren sie nach Deutschland gekommen, weil sie auf Sizilien keine Zukunft sahen und in purer Armut gelebt hatten. In Greven hingegen hatten sie ihr Auskommen und konnten sich auch etwas leisten. 630 DM mussten sie zunächst monatlich in die Heimat schicken.
Auf Dauer war die doppelte Haushaltsführung finanziell nicht mehr rentabel. Deshalb kam im Juli 1964 die restliche Familie nach Greven: Carmelos Mutter mit seinen zwei jüngeren Schwestern und seinem Bruder. Eine Notunterkunft in einer Baracke für sechs Personen wurde organisiert, im Oktober konnten sie in eine Kellerwohnung umziehen, ein paar Jahre später in eine Werkswohnung.
Die ältere der beiden Schwestern fing sofort bei Biederlack an zu arbeiten, ebenso die Mutter. Sie arbeitete dort fünf Jahre, bis sie mit 60 Jahren eine deutsche Rente erhielt, worauf sie sehr stolz war.
Die beiden jüngsten Geschwister wurden in Deutschland eingeschult. Carmelo musste – als Achtzehnjähriger – zu den Elternsprechtagen gehen. Der Vater konnte immer noch kein Deutsch, die Mutter ebenso. Wenn Carmelo auf den Schulhof kam, umringten ihn die Lehrerinnen und Lehrer und wollten wissen, wo die Eltern der anderen italienischen Kinder blieben. Carmelo wusste es nicht. Vermutlich hatten sie kein Interesse an den schulischen Leistungen. Denn auch in deren Köpfen gab es nur den einen Gedanken: Wir sind nur vorübergehend hier, wir kehren zurück, weshalb sollen wir uns um die schulischen Angelegenheiten kümmern.
Eigene Familie, Eigentum und Abschied
1972 heiratete Carmelo eine Sizilianerin, die er von seinen Heimaturlauben kannte und brachte sie mit nach Greven. Die beiden bekamen drei Kinder – zwei Jungen, ein Mädchen.
Seine erste große Liebe war jedoch eine Deutsche, Christa, in die er sich mit siebzehn bis über beide Ohren verliebte. Doch sie habe sich dann von ihm distanziert und ein Jahr später Schluss gemacht. Erst Jahre später erfuhr er, dass ihre Familie gegen die Beziehung war – wegen seiner Herkunft. „Das hat wehgetan“, sagt er heute. Deshalb verlor er den Mut, in Greven eine deutsche Frau zu finden.
Carmelo hatte 1965 bereits so viel Geld gespart, dass er sich ein Grundstück in Greven hätte kaufen können. Aber seine Familie erlaubte es ihm nicht, weil es immer hieß: Wir gehen wieder zurück. Anders verhielt es sich mit Eigentum auf Sizilien: 1970 hatten seine Eltern, Geschwister und er im Heimatort San Giovanni Gemini ein Haus gekauft, das unter anderem ab 1975 mit Carmelos Geld umgebaut wurde, obwohl für ihn nach wie vor klar war, dass er nicht zurückkehren wollte. Deshalb kaufte er in diesem Jahr auch in Greven für sich und seine Familie ein Haus.
Heimaturlaube und Anerkennung
Als die Kinder klein waren, ging es jeden Sommer nach Sizilien – das dortige Haus musste ja umgebaut werden und das ging nicht ohne Carmelos Hilfe. Vier Wochen waren sie jedes Jahr dort und den Kindern tat es gut. Sonne, Spielen, gutes Essen. Mit einem vollgepackten Auto ging es zwei Tage hin, zwei zurück, mit einem Zwischenstopp auf halber Strecke in Florenz. Sie wurden dort immer herzlich aufgenommen und Carmelo wurde dafür bewundert, dass er sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut hatte.
Carmelos Vater starb 1979 in Deutschland. Die Mutter und die beiden Schwestern brachen 1982 die Zelte in Greven ab und gingen zurück in ihren Heimatort San Giovanni Gemini. Nur sein Bruder blieb in Deutschland, machte Abitur und studierte.
Für Carmelo war diese Rückkehr ein Schock: „Ich dachte, jetzt bist du komplett allein hier.“ Er hatte eine Ehefrau, die nicht bereit war, sich zu integrieren und sich weigerte Deutsch zu lernen. Es war auch noch das Jahr, in dem er arbeitslos wurde.
Rückblick und Stolz
In unserem Gespräch schwingt bei Carmelo – zu Recht – auch immer Stolz mit: es trotz all der Widrigkeiten geschafft zu haben. Aus eigenem Antrieb. Aus eigener Motivation, auch wenn ihm Steine in den Weg gelegt wurden und er keinerlei Unterstützung durch die Familie erfuhr. Er hat es geschafft, dass seine Kinder gute Ausbildungen erhalten haben und studieren konnten.
Über seine Anfangszeit in Deutschland spricht Carmelo nur positiv:
Alle, mit denen ich zu tun hatte, waren sehr offen. Ich habe bis heute noch Kontakt zu Menschen, die ich kurz nach meiner Ankunft in Deutschland kennengelernt habe. Ich hatte keine Berührungsängste und die anderen mit mir auch nicht.
Sechzig Jahre später ist Carmelo bestens integriert und engagiert sich im Freilichtmuseum Sachsenhof. Dort haben wir uns auch über eine Freundin kennengelernt.
Hut ab, Carmelo, vor deiner Lebensleistung!
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Sabine meint
Was für ein schöner und eindrucksvoller Bericht! Auch mein Großvater kam aus wirtschaftlicher Not damals aus Italien nach Deutschland, allerdings einige Jahrzehnte vorher. Man kann sich das gar nicht vorstellen, was die Menschen damals alles auf sich genommen haben. Kein Google Maps, kein WhatsApp, kein Telefon, keine Fremdsprachenkenntnisse… Wirklich “Hut ab”, was da geleistet wurde!
(Übrigens vielen Dank für Ihre immer sehr interessanten Newsletter, ich lese sie stets sehr gerne!)
Ulrike meint
Freut mich sehr, dass Ihnen meine Newsletter und offensichtlich auch meine Artikel gefallen.
Ich finde auch beeindruckend, was diese Menschen in Kauf genommen und geleistet haben.