Buchtipp Als ich einmal in den Canal Grande fiel

Buchtipp: Als ich einmal in den Canal Grande fiel

Ich hab’s in einem Rutsch durchgelesen: Petra Reskis neues Buch „Als ich einmal in den Canal Grande fiel“. Schon länger hat mich kein Buch mehr so gefesselt, so gut unterhalten und inspiriert, aber auch so wütend und nachdenklich gemacht.

Reski berichtet sehr abwechslungsreich über ihr Leben in Venedig an der Seite „ihres Venezianers“. So beschreibt sie selbstverständlich die historischen Begebenheiten und die Schönheiten der Stadt. Das gelingt ihr so ausgezeichnet, wie es nur möglich ist, wenn man tief mit einem Ort verwurzelt ist oder eben diesen einen Venezianer an seiner Seite hat. Dabei verliert sie niemals den Bezug zur Aktualität.

Ernüchternde Einblicke

Ernüchternd sind ihre Einblicke „hinter die Kulissen“ – die Verwicklungen und Verstrickungen, die zu immer mehr Tourismus und damit zum Ausverkauf der Stadt führen. Ohne Rücksicht auf die Natur und die historischen Gebäude wird den Einwohner*innen Venedigs immer mehr Lebensraum genommen.

Reski erzählt von den vielen kleinen Inseln, die es in der Lagune gibt. Diese sehr gelungenen bildhaften Beschreibungen rufen in mir sofort ein „da will ich hin“ hervor. Doch im nächsten Moment denke ich, „nein, da musst du nicht hin. Lass den Venezianer*innen noch einen Rückzugsort und lass die Natur Natur sein“. Zwei dieser Inseln sind San Servolo und San Clemente. Inseln, auf denen früher vermeintlich Wahnsinnige behandelt wurden. Auf San Servolo befindet sich heute das „Museum des Wahnsinns“, und aus dem Irrenhaus von San Clemente wurde ein Luxushotel und damit die Insel zu einer Privatinsel. Sie wurde dadurch auch zu einem traurigen Beispiel von vielen, denn immer mehr Inseln werden zu Luxusressorts. Buchtipp Als ich einmal in den Canal Grande fiel

Blick auf den Vorsatz des Buch "Als ich einmal in den Canal Grande fiel"

Reski findet zahlreiche Beispiele für das Profitstreben und die Respektlosigkeit gegenüber Mensch und Natur – Beispiele, die mich wütend machen. Die 80 30 Millionen Tourist*innen im Jahr, die 500 Kreuzfahrtschiffe, die jährlich die Lagune durchqueren und die Abwanderung der Venezianer*innen nehmen einen großen Raum in ihrem Buch ein. Auch thematisiert sie die Umwandlung von bezahlbarem Wohnraum in Airbnbs, die Entstehung unzähliger Take-aways und Billigläden, aber auch (Luxus-)hotels sowie Luxusboutiquen, die die Geschäfte des täglichen Bedarfs der Menschen verdrängen, die noch in der Stadt leben.

Viele kleine Geschichten

Neben diesem großen immer wieder zur Sprache kommenden Thema findet man jedoch auch viele kleine Geschichten, Anekdoten und Tipps, die Lust auf eine Reise in diese immer noch stolze Stadt machen. So ist die Rede von 436 Brücken, die es in Venedig gibt, und dass durch die österreichischen Besatzer Venedig mit einer Eisenbahnbücke mit dem Festland verbunden wurde, was

viele Venezianer bis heute als ein Zeichen ihrer Unterwerfung sehen.

Ich erfahre aber auch von den für Venedig typischen bleiverglasten Fenstern aus acht Scheiben, die durch kleine Rauten begrenzt sind, von historischen Persönlichkeiten und von gemeinsamen Mittagessen der Patient*innen im Krankenhaus. Und dann ist da die Geschichte von der Prozession des Kollegiums der Gehenkten, der Bruderschaft vom Campo San Fantin. Die „Scuola dei Picai“, wie sie im Venezianischen heißt, begleitete früher zum Tode Verurteilte zum Schafott. Eine Geschichte, die Reski wiederum zu der Frage veranlasst:

Heute machen wir eigentlich nichts anderes als die Brüder von San Fantin – wir begleiten Venedig auf dem Weg zum Schafott. Und sprechen uns Trost zu. Die Frage ist nur: Für welches Verbrechen muss Venedig büßen?

Eine Lektüre zum Nachdenken

Ich bin jahrelang mit einer Freundin im September zur Kunstbiennale nach Venedig geflogen und in einem kleinen familiengeführten Hotel untergekommen. Alle zwei Jahre nahm die Zahl der Tourist*innen zu und zuletzt (2017) war manche Brücke gar zur „Einbahnstraße“ geworden. Nach der Lektüre des Buches habe ich beschlossen, dass die Besuche der Kunstbiennale und Venedigs für mich bis auf Weiteres ausfallen. Und das, obwohl Reski auch durchaus Lust auf Venedig macht. Zu gern würde ich ein paar Inseln erkunden oder die bleiverglasten Fenster mit Muße betrachten.

Es ist diese Mischung aus Missständen, Beschreibungen und Persönlichem, die dieses Buch für mich ausmacht. Und – ich denke jetzt noch einmal über mein eigenes Tourismusverhalten nach. Danke Petra Reski für dieses Buch! Ich bin restlos begeistert.

Mehr über Petra Reski findest du auf ihrer Website (Blog inklusive) und natürlich auch in den sozialen Netzwerken, vor allem ihre Facebook-Seite ist empfehlenswert.

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