Altes Handwerk: Die Korbflechterinnen von Flussio

Altes Handwerk: Die Korbflechterinnen von Flussio
Blick in die Werkstatt einer Korbflechterin

In einem in die Jahre gekommenen weißen Panda von Bosa, an der Westküste Sardiniens gelegen, fahren wir auf einer kurvenreichen Straße hinauf. Wir – das sind meine Freundin Carla und ich. Wir sehen Felsen, Olivenhaine, grüne Hügel, dazwischen ab und an ein Dorf und genießen wunderbare Aussichten. Die Straße ist leer, kaum ein anderes Auto ist unterwegs an diesem Montagnachmittag. Nach einer halben Stunde haben wir unser Ziel erreicht: Ein Dorf mit rund 430 Einwohnern. Die Hauptstraße ist wie ausgestorben, niemand ist unterwegs. Die Sonne knallt immer noch, obwohl es schon 17 Uhr ist. Wir sind in Flussio, ein Dorf in der Provinz Oristano, das für seine Körbe aus Affodill bekannt ist. Affodill ist eine Pflanze, die im mediterranen Raum wächst.

Altes Handwerk: Die Korbflechterinnen von Flussio

Auf der Durchfahrt sehen wir am Rathaus ein Wandbild mit einer Frau, die aus Stielen des Affodills einen Korb flicht – auch die Wandbilder, Murales genannt – sind typisch für Sardinien. Vor drei Häusern sehen wir verschiedene Korbwaren  ausgestellt. Es sind die Werkstätten der Affodillflechterinnen. An einer Werkstatt steht die Tür ganz weit offen. Wir sehen Affodill auf dem Boden liegen, daneben ein Stühlchen, einen Eimer mit Wasser und Handwerkszeug. An der einen Wand hängen antike (unverkäufliche) Körbe und an der anderen die neuen, verkäuflichen. Später erfahren wir, dass die antiken Stücke von Maria Antoniettas Mutter hergestellt wurden. Korbwaren aus Affodill herzustellen liegt nicht nur bei ihr in der Familie.

Altes Handwerk: Die Korbflechterinnen von Flussio
Wandmalerei in Flussio, die eine Korbflechterin darstellt

Aussterbendes Handwerk

Wir betreten die Werkstatt von Maria Antonietta Sechi. Sie ist eine von drei verbliebenen Handwerkerinnen, die noch Körbe aus Affodill herstellt. Einst waren es wesentlich mehr. Affodillflechten ist ein altes Handwerk, das viel Arbeit, Geduld und Zeit erfordert, aber nicht allzu viel Geld einbringt. Zwischen Vorbereitung, Flechten und fertigem Produkt liegen mehrere Tage.

Maria Antonietta betritt die Werkstatt. Sie begrüßt uns freundlich, nimmt etwas von dem feuchten Affodill, der auf dem Boden vor ihrem Stuhl liegt, befeuchtet ihn erneut ein wenig und beginnt zu flechten. „Wenn ich anfange zu flechten, weiß ich meist nicht, was es werden wird. Erst beim Flechten entscheide ich, welche Art von Korb es werden wird“, erzählt sie uns flechtend. Das Flechten eines Korbes dauert je nach Größe, Format und Komplexität des Motivs oft mehrere Tage. Verständlich, dass für diese Arbeit zwischen 30 und 100 Euro bezahlt werden muss.

Affodill wird im März gepflückt, danach stehen die Stängel des Affodills vor den Häusern zum Trocknen. „Allerdings gab es in diesem Jahr nicht allzu viel“, erklärt uns Maria Antonietta während sie flicht. Beige, braun, grün – die Motive der Körbe hängen von den Farbtönen der Pflanze ab.

Flecht-Workshops

Maria Antonietta, wie auch die anderen Frauen im Dorf, geben Workshops im Flechten von Affodillkörben. „Wenn du Interesse hast, solltest du schon ein paar Tage für jeweils fünf Stunden vorbeikommen und am Ende würdest du einen kleinen Korb mit nach Hause nehmen“, sagt sie mir während sie flicht. Ich denke darüber nach … vielleicht im nächsten Jahr …

Altes Handwerk: Die Korbflechterinnen von Flussio
Maria Antonietta erklärt mir das Flechten von Körben aus Affodill

Sie ist die Einzige im Dorf, die das Korbflechten als Beruf ausübt. Die anderen Frauen im Dorf machen es mehr aus Hobby, weil sie gerne flechten und weil sie die Tradition bewahren möchten. Maria Antonietta stellt die Korbwaren auch auf Bestellung her. Unter anderem gehören Luxushotels an der Costa Smeralda zu ihren Auftraggebern.

Zum Abschied überreicht sie mir ihre Visitenkarte, darauf angegeben auch ihre Facebook-Seite namens „L’angolo dell’asfodelo“.

Einst gehörten die Affodillkörbe zur Aussteuer jeder sardischen Braut. Lang, lang ist’s her …

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