
Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen von 1955 markiert den Beginn der Arbeitsmigration nach Westdeutschland. Der folgende Artikel verbindet die Geschichte der italienischen Gastarbeiter*innen mit aktuellen Fragen von Migration, Integration und Demokratie – ausgehend von einer Festveranstaltung im Staatstheater Mainz zum 70-jährigen Jubiläum des Abkommens.
Inhaltsverzeichnis
Es ist früher Abend, als ich mit dem Aufzug in die siebte Etage ins Glashaus des Staatstheaters Mainz fahre. Es ist mein erster Besuch dort. Der Anlass: die Festveranstaltung „70 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Italien. Wie Deutschland zum Einwanderungsland wurde.“ Der halbrunde Raum ist in warmes Licht getaucht. Hohe Glasflächen an den Außenwänden. Draußen setzt die Dämmerung ein, der Dom spiegelt sich in den Scheiben. Drinnen: eine Bühne mit Redepult, Sessel für die Gesprächsrunden, ein Bildschirm mit wechselnden Fotos aus der Zeit der Gastarbeiter*innen in Deutschland. Zwei Pappkoffer stehen da – unscheinbar, und doch erzählen sie bereits eine Geschichte.
Programm
Begrüßung/Eröffnung
Katharina Binz, Ministerin für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz
Markus Müller, Intendant des Staatstheaters Mainz
Massimo Darchini, Generalkonsul der Republik Italien
Einwanderungsland Deutschland: Ein Plädoyer für Vielfalt und Demokratie
Dr. Alessandro Bellardita, Strafrichter, Lehrbeauftragter und Autor
Ein Generationen-Gespräch
Silva Burrini, Sozialarbeiterin
Maja Hattesen, SWR-Redakteurin und Filmemacherin
Giovanni Rappa, Polizist und Stadtrat in Mainz
Das Anwerbeabkommen – eine unterschätzte Dynamik?
Gespräch mit Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun, Migrationsexperte
Ankommen, Bleiben, Wurzeln schlagen!?
Migrationspolitik heute
Gesprächsrunde mit
Katharina Binz
Dr. Alessandro Bellardita
Markus Müller
Publikum
Moderation Miguel Vicente, Beauftragter der Landesregierung für Migration und Integration
Susanne Babila, Journalistin, SWR
Künstlerisches Rahmenprogramm Staatstheater Mainz
Stuhlreihen um die Bühne. Getränke werden gereicht. Leises Stimmengewirr. Der Saal füllt sich. Der Moderator ergreift das Wort. Zur Einstimmung gibt es Musik: Der Kapellmeister des Staatstheaters spielt eine Klavierimprovisation über das Lied „Marina“. Ein bekanntes Motiv, das die Besucher*innen sanft ins Thema des Abends holt.
Das Programm setzt auf eine Mischung aus Vorträgen, einem leidenschaftlichen Plädoyer für Vielfalt und Demokratie (Alessandro Bellardita), Einzelgesprächen und Gesprächsrunden. Besonders schön fand ich die musikalischen Einlagen von Mitgliedern des Staatstheaters Mainz, die überraschend zwischen den Programmpunkten – und am Ende des offiziellen Teils – eingebaut waren.
Das Anwerbeabkommen und seine Dimension
Am 20. Dezember 1955 wurde das erste Anwerbeabkommen der BRD mit einem anderen Land geschlossen: Italien. In den 1960er-Jahren folgten weitere Abkommen, etwa mit Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Portugal (1964) und Tunesien (1965).
Bis 1973 kamen so rund vierzehn Millionen Italiener*innen nach Westdeutschland. Die Ausländerpolitik war lange Zeit darauf ausgerichtet, dass die Menschen wieder in ihr Heimatland zurückkehren: Die deutsche Regierung ging davon aus, dass die Gastarbeiter*innen jeweils nur ein Jahr bleiben würden. Doch aus dem einen Jahr wurde bei vielen „noch ein Jahr“, dann ein weiteres – und schließlich dreißig oder vierzig Jahre.

Mit der Ölkrise 1973 und einer Rezession der Wirtschaft verhängte die Bundesregierung einen Anwerbestopp. Keine neuen Gastarbeiter*innen sollten ins Land kommen. Viele kehrten zurück, andere blieben – und holten ihre Familien nach, manche leben bis heute in Deutschland. Tatsächlich seien letztlich etwa 80 Prozent zurückgekehrt, so der italienische Generalkonsul Massimo Darchini in seiner Begrüßungsrede.
Das Wort Gastarbeiter selbst legt diese Logik nahe: Die Menschen waren zu Gast, sollten beim Wiederaufbau des zerstörten Nachkriegsdeutschlands helfen und anschließend zurückkehren.
Warum zuerst Italien?

In den 1950er-Jahren ging der Impuls für ein Anwerbeabkommen auf politischer Ebene maßgeblich von Italien aus. Das Land kämpfte mit hoher Arbeitslosigkeit und einer stagnierenden Wirtschaft. Die Regierung suchte deshalb aktiv den diplomatischen Weg. In Deutschland hingegen nahm die Wirtschaft Fahrt auf, Arbeitskräftemangel wurde spürbar. Die Interessen beider Länder trafen sich, schreibt der Migrationsexperte Karl-Heinz Meier-Braun in einem Dossier für die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg zu „70 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien“.
Ankommen in einem fremden Land
Nach der Ankunft standen den Gastarbeiter*innen oft nur etwa vier Quadratmeter pro Person zur Verfügung – in einem Zimmer, das sie mit anderen teilten. Zwei Etagenbetten, vier Schlafplätze. Zwar gab es offizielle Richtlinien für die Unterkünfte, doch diese wurden nicht immer eingehalten. Statt vier Betten standen dann sechs oder acht in einem Raum.
Zum Kochen gab es Kochplatten, häufig mit Münzeinwurf. Reichten die Münzen nicht, blieb das Essen halb warm – oder halb gar, erzählt Sozialarbeiterin Silva Burrini.
Auch Schlangestehen gehörte zum Alltag: für die Toilette, zum Duschen, am Sonntag vor den Telefonzellen, um mit den Liebsten in Italien zu sprechen.
Anwerbung, Arbeitsfelder und Menschenbild
Der Deutsche Bauernverband reiste früh nach Italien, um Arbeitskräfte zu rekrutieren. Ausgewählt wurde nach Größe, Stärke, Körperbau, danach, ob Hände „zupacken“ konnten. Die Anwerbung glich einer Musterung. Italiener*innen mussten vor deutschen Arbeitgebern defilieren. Man stelle sich das vor: nur zehn Jahre nach Kriegsende.
Die Industrie formulierte ihren Bedarf in einer Sprache, die heute befremdlich klingt: „ein Stück Lagerarbeiter“, „drei Stück Hilfsarbeiter“. Für mich zeigt sich hier deutlich ein Menschenbild zweiter Klasse. Menschen wurden als reine Arbeitskraft betrachtet – austauschbar, nützlich. Ein Denken, geprägt von den 1940er-Jahren, in dem es allein um Verwertbarkeit ging. Wenn es wirtschaftlich schlechter lief, sollten die Menschen gehen.
Auch die Gastronomie benötigte Arbeitskräfte. Als deutsche Wirtsfamilien in späteren Jahren keine Nachfolger*innen mehr fanden, weil ihre Kinder andere Wege gingen, „sprangen“ Italiener*innen (oder Gastarbeiter*innen aus anderen Ländern) ein. Zunächst führten sie die Gasthöfe unter demselben Namen weiter – „Gasthof zum Lamm“, „Gasthof zum Ochsen“. Nur die Speisekarte änderte sich. Als die Gäste begannen, sich für die Menschen hinter den Pastagerichten zu interessieren, wurden die neuen Besitzer*innen selbstbewusster: Aus dem „Gasthof zum Lamm“ wurde eine „Pizzeria da Mario“.
Netzwerke, Unterstützung und Wohnen
Integrationsprogramme, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. Wichtig war aus Sicht der Arbeitgeber*innen vor allem: ausreichend Nahrung, damit die Arbeitskraft erhalten blieb.
Doch es gab Nachbarschaftshilfe. Italiener*innen vernetzten sich, gründeten Vereine, bildeten Gemeinschaften, trafen sich in katholischen Gemeinden. Der Bahnhof wurde zu einem zentralen Treffpunkt des Austauschs. Personen wie Silvia Burrini halfen: bei der Bürokratie, der Einhaltung der Mindeststandards in den Unterkünften, bei Arztbesuchen, bei Übersetzungen. Denn: „Deutschland war ein großes, unbekanntes schwarzes Loch“, wird Vito Contento bei der Veranstaltung zitiert, der ab 1968 die Beratungsstelle der Caritas in Koblenz leitete und seinen Landsleuten half, sich in der deutschen Bürokratie zurechtzufinden.
Heimweh und Identität
Heimwehkrank war ein Wort, das damals entstand. Denn Heimweh war allgegenwärtig – besonders bei den Männern, die ihre Familien zurückgelassen hatten und bei denen sich der Kontakt auf die wöchentlichen Telefonate und den gelegentlichen Besuch in der Heimat beschränkte.
Später, als die Familie nachzog, blieb das Heimweh. Die Kinder litten: ihnen fehlten die Freund*innen, Vereine, die Schule. Das vertraute Umfeld blieb in Italien.
Die erste Generation hatte ein Zuhause – und das war Italien. Für die zweite und dritte Generation in Deutschland blieb das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben: zwei Heimaten zu haben und doch immer als Ausländer*in wahrgenommen zu werden.
Herkunft und Geschlecht
Die ersten Gastarbeiter*innen kamen aus Norditalien, später folgte die große Gruppe aus Süditalien, die das Bild der Italiener*innen in Deutschland prägte.
Interessant finde ich: Anders als die italienische Regierung hatte die Mafia kein Interesse daran, dass Sizilianer*innen nach Deutschland gingen. Sie verlor dadurch willfährige Arbeitskräfte, die Tagelöhner.
Die Geschichte der Einwanderung wird bis heute vor allem als Geschichte der Männer erzählt. Und anfangs waren es fast ausschließlich Männer. Doch später kamen auch Frauen – nicht nur als Ehefrauen, sondern alleinstehend, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. So wie die Großmutter von Giovanni Rappa: Sie kam 1971 mit ihren drei Kindern. Zunächst nur, um ihre Schwester in Mainz zu besuchen. Doch sie blieb. Der Ehemann war gestorben, die älteren Kinder blieben in Sizilien. Das ist auch ein Beispiel dafür, dass Eltern, vor allem Mütter, viel auf sich genommen haben, damit es ihren Kindern einmal besser geht.
Politik, Integration und Einwanderungsland
Fünfzig Jahre nach dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen sprach 2005 erstmals ein deutscher Bundeskanzler offen von Deutschland als Einwanderungsland: Gerhard Schröder. Seine Vorgänger Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Willy Brandt hatten diesen Begriff stets vermieden oder ausdrücklich zurückgewiesen. Erst 2010, als auch Bundespräsident Christian Wulff – als erster CDU-Politiker – Deutschland als Einwanderungsland bezeichnete, wurde diese Realität breiter gesellschaftlicher Konsens.
Heute geht die Debatte über Migration über bloße Anerkennung hinaus. Die rheinland-pfälzische Ministerin für Familie, Frauen, Kultur und Integration, Katharina Binz, plädiert dafür, nicht ausschließlich von Integration, sondern von Interaktion zu sprechen. Integration sei kein einseitiger Anpassungsprozess, sondern lebe von Begegnung und gegenseitigem Lernen. Und gerade Begegnungen sind zentral, um Rassismus vorzubeugen und abzubauen. Historisch zeigt sich dabei ein wiederkehrendes Muster: Einst waren es Italiener*innen, denen mit Argwohn begegnet wurde, heute sind es Syrer*innen, Tunesier*innen oder Marokkaner*innen.
Grundwerte, Gegenwart und Fazit

In seiner Keynote stellte Dr. Alessandro Bellardita, Jurist und politischer Bildner das Grundgesetz ins Zentrum. Er plädierte eindrücklich für Demokratie als gelebte Praxis und erinnerte an Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Grundsatz gelte nicht nur in Zeiten gesellschaftlicher Stabilität, sondern gerade dann, wenn Menschen verletzlich seien oder sich nicht selbst schützen können. Dass Artikel 1 – ebenso wie Artikel 20 – der Ewigkeitsklausel unterliegt, ist Ausdruck dieses besonderen Schutzanspruchs.
Rückblickend erweist sich Zuwanderung fast immer als Erfolgsgeschichte – und als gesellschaftliche Bereicherung. Nicht nur die Sozialversicherungssysteme profitieren langfristig davon, sondern auch Kultur und Alltag: neue Lebensmittel, neue Bräuche, neue Perspektiven. Migration verändert Gesellschaften. Nicht zum Schlechteren, sondern als Bereicherung, finde ich.
Weiterführende Links:
- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
- 70 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien – Tutto bene?, Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg
- Porträts Lebenswege, Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz
- Bella Germania. Sind Italiens Gastarbeiter angekommen?, SWR Kultur
Ausklang
Der Abend klang mit Gesprächen und einem kleinen Imbiss aus. Eine inspirierende Veranstaltung im Staatstheater Mainz. Bei mir hat sie den Wunsch geweckt, mehr über diese Zeit und die ersten italienischen Gastarbeiter*innen zu erfahren.
Die Veranstaltung am 14. Januar 2026 war eine Kooperation von
- Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz
- Beauftragter für Migration und Integration des Landes Rheinland-Pfalz
- hpunkt Kommunikation
- Staatstheater Mainz
Ausblick
Ich hatte schon länger vor, ein Interview mit einem ehemaligen Gastarbeiter zu führen. Carmelo ist einer von denen, die nicht zurückwollten. Er hat sich in Nordrhein-Westfalen eine Existenz aufgebaut und ein Zuhause für seine Familie geschaffen. Er ist auch einer der wenigen italienischen Menschen, mit denen ich ausschließlich Deutsch spreche. Mitte Februar haben wir unseren Interviewtermin. Danach kannst du unser Gespräch hier lesen. Stay tuned!
Falls eine Italienerin mitliest, die eine Gastarbeiterinnen-Biografie hat und ihre Geschichte erzählen möchte, würde ich mich sehr freuen. Oder kennst du liebe Leserin, lieber Leser, eine Frau, deren Geschichte es wert ist, erzählt zu werden? Schreibt mir gerne an: kontakt@ulrikeschmid.eu
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Anja meint
Ach, ich musste sofort an die Rentnerin denken, die ich letztes Jahr auf dem Weg von Valle Maira nach Cuneo kennen gelernt habe. Eigentlich die erste Gastarbeiterin, die ich je kennen gelernt habe. Sie redete mit dem Busfahrer vorne, ihre Weiterfahrt ging zum Flughafen nach Turin, weiter nach Frankfurt. Ich wurde hellhörig und mischte mich ein, sie erzählte mir ein bisschen ihre Geschichte, erst Köln, dort den italienischen Ehemann kennen gelernt, ebenfalls Gastarbeiter, Kinder gekriegt, hier hängen geblieben, heute lebt sie in Höchst, schade, ich weiß ihren Namen nicht. Ein Kommilitone von mir war Halbitaliener, sein Vater kam ebenfalls in dieser Zeit, hat eine Deutsche geheiratet, Italien wurde in der Familie vergessen, fast negiert. Ich kann dir den Namen nennen, weiß aber nicht, ob der Vater noch lebt, auch damals irgendwo auf der Mainzer Landstraße. Danke für deine tollen Artikel, lg Anja
Ulrike meint
Liebe Anja,
vielen Dank, dass du deine Begegnung hier geschildert hast. Danke für dein Angebot. Einen Gastarbeiter habe ich bereits, ich bin auf der Suche nach einer Gastarbeiterin, die seinerzeit eigenständig nach Deutschland kam. Also eine Nonna Rappa – sie lebt leider nicht mehr.
Anja meint
Ja, schade, von der Frau aus Höchst habe ich leider keine Daten. Sie kam Anfang der 60er Jahre.