
Am 6. September 1925, vor hundert Jahren, wurde Andrea Camilleri im sizilianischen Porto Empedocle geboren. Der Schriftsteller, Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur wurde international bekannt durch die Kriminalromane um Commissario Montalbano, der im fiktiven Ort Vigàta auf Sizilien ermittelt. Insgesamt verfasste Camilleri mehr als 100 Bücher und galt als eine kritische Stimme in der italienischen Gegenwartsliteratur.
Warum lohnt es sich, Andrea Camilleri heute – 100 Jahre nach seiner Geburt – noch zu lesen? Weil seine Bücher weit mehr sind als Krimis: Sie sind Sprachkunstwerke, feinsinnige Beobachtungen der italienischen Gesellschaft und zugleich ein humorvoller Blick auf Menschen. Meine persönlichen Eindrücke beziehungsweise Begegnungen habe ich dir aufgeschrieben. Möglicherweise inspirieren sie dich, dich näher mit ihm zu befassen.
Inhaltsverzeichnis
Meine Begegnungen mit Andrea Camilleri
1. Am Bildschirm mit Commissario Montalbano
Meine erste Begegnung mit Andrea Camilleri fand, wie bei so vielen, am Fernseher statt: durch die Kriminalromane um Commissario Montalbano*, die er erschuf. Eigenwillig, charmant und immer hungrig. Besonders blieb mir das Zusammenspiel von Ermittlungen, Alltag und sizilianischer Lebensart im Gedächtnis. Seine Liebe zum Essen. Die Telefonate mit der Dauerverlobten Livia, die in acht Folgen von Katharina Böhm gespielt wurde. Sein trockener Humor. Die Sprache: eine Mischung aus Standarditalienisch, sizilianischen Ausdrücke und Begriffen und von Camilleri selbst erfundenen Neologismen mit denen er eine sizilianischen Atmosphäre schafft.
Hinter der Figur stecken 28 Romane und vier (Kurz-)Geschichten aus dem Montalbano-Universum, die weltweit verfilmt wurden. Zählt man die sechs Folgen „Der junge Montalbano“ hinzu, sind es sogar 38 TV-Folgen.
Für mich war Montalbano der Einstieg in Camilleris Welt.
2. Marathonlesung Camilleri autobiografisch erleben
Nach den Commissario-Erfahrungen hörte und las ich lange nichts mehr von Camilleri. Bis im Juni die Einladung zur „Camilleri-Marathonlesung“ der Deutsch-Italienischen Vereinigung und des Italienischen Generalkonsulats kam. Ich sollte eine Passage aus Brief an Matilda* lesen, abwechselnd mit anderen in Italienisch und Deutsch. Ich überlegte nicht lange und sagte zu.
Plötzlich hatte ich nicht nur einen Text von Camilleri in der Hand, sondern auch ein Stück seines Lebens. Es war eine besondere Erfahrung, Camilleri nicht allein zu lesen, sondern ihn gemeinsam mit anderen laut werden zu lassen.
3. Buchlektüre „Brief an Matilda“
Die vier Seiten, die ich für die Lesung vorbereitet hatte, machten mich neugierig. Ich las also das ganze Buch Brief an Matilda*, übersetzt von Annette Kopetzki. Zwar auf Deutsch, sodass mir der typische Wechsel zwischen Sizilianisch und Hochitalienisch entging. Doch auch in der Übersetzung spürte ich, wie persönlich dieses Buch ist: Camilleri erzählt seiner Urenkelin von Kindheit, Ehe, Theaterarbeit, Politik. Für mich war es, als würde er mir direkt gegenübersitzen und von seinem Leben berichten – schlicht, humorvoll, nachdenklich.
4. Porträt bei RAI: Camilleri als öffentliche Figur
Das Buch weckte in mir den Wunsch, Camilleri auch als Person besser kennenzulernen. Also begab ich mich – wie ich das meistens mache – bei RAI auf die Suche und stieß auf ein Porträt, in dem er selbst, aber auch seine Töchter und Enkelin zu Wort kamen. Dort erlebte ich ihn als Intellektuellen mit Witz, Haltung und Wärme – einen Mann, der zugleich Sizilien verkörperte und über Sizilien hinaussah.
5. Lesung in hr2-kultur aus „Pension Eva“
Anlässlich des 100. Geburtstags las Gerd Wameling in hr2-kultur aus Die Pension Eva*. In dieser Geschichte blickt Camilleri auf die Jugendjahre eines Jungen zurück, der in einer sizilianischen Hafenstadt aufwächst – voller Neugier auf Literatur, das Leben und die Liebe. Hier klingt Camilleri ganz anders als bei Montalbano: poetischer, fast nostalgisch und mit einem leisen Augenzwinkern.
Besonders berührte mich, wie er Die Pension Eva – ein Bordell – nicht als Ort der Sünde, sondern als Ort der Geschichten beschreibt. Hier begegnen sich Menschen auf Augenhöhe, unabhängig von Herkunft oder Macht. Für mich war das ein Moment, in dem ich Camilleri als feinsinnigen Erzähler neu entdeckte.
Das Buch erschien 2008 in der deutschen Übersetzung von Moshe Kahn im Rowohlt Verlag.
Die 10 Episoden kannst du in der ARD-Mediathek abrufen
6. Kulinarik: Camilleri und die Küche Siziliens
Die 6. Begegnung steht noch aus. Es wird eine Lesung bei der Accademia Italiana della Cucina in Frankfurt sein. Welche Passage ich lesen werde? Ich weiß es noch nicht. Aber eines ist klar: Es wird kulinarisch.
In den Romanen Camilleris spielt das Essen eine wichtige Rolle. Bei Montalbano sind die Mahlzeiten kleine Rituale, Momente der Ruhe im Chaos. Ich freue mich darauf, diesen Aspekt seiner Literatur – die Kulinarik als Spiegel Siziliens – bald noch einmal in einer Lesung zu erleben.
Kurzbiografie Andrea Camilleri
Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren. Schon früh zog es ihn zum Theater und zum Schreiben: Ab 1942 arbeitete er als Regisseur für Bühne und Rundfunk, daneben veröffentlichte er Gedichte, Erzählungen und Artikel. Später unterrichtete er über Jahrzehnte an renommierten Einrichtungen wie dem Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom und der Nationalakademie der Dramatischen Künste Silvio D’Amico. Mit Leidenschaft vermittelte er dort Regie und Dramaturgie – Wissen, das seine spätere literarische Arbeit prägte.
Sein erster Roman Il corso delle cose erschien 1978 (dt. Hahn im Korb, 2002, übersetzt von Monika Lustig). Der große Durchbruch gelang ihm erst Mitte der 1990er-Jahre, als er mit fast 70 Jahren seine ersten Kriminalromane um Commissario Salvo Montalbano* veröffentlichte. Bis zu seinem Tod im Juli 2019 schrieb er 28 Romane sowie mehrere Kurzgeschichten aus dem Montalbano-Universum. Der sizilianische Kommissar wurde schon bald zu einer internationalen Kultfigur. Die Bücher wurden in rund 30 Sprachen übersetzt und fast alle fürs Fernsehen verfilmt.
Doch Camilleri war weit mehr als nur der „Vater Montalbanos“. Er schrieb insgesamt über 100 Bücher, darunter historische Romane u. a. ll colore del sole über den Maler Caravaggio (Die Farbe der Sonne*, übersetzt von Moshe Kahn), Essays und autobiografische Werke. Bis ins hohe Alter blieb er eine kritische Stimme in der italienischen Öffentlichkeit: gegen Mafia und Korruption, für Demokratie und Menschlichkeit.
Nach seinem Tod 2019 wurde die Stiftung Fondo Andrea Camilleri gegründet, die sich der Bewahrung seines literarischen Nachlasses, seiner Manuskripte und seines kulturellen Erbes widmet. Sie unterstützt auch Forschungen zur sizilianischen Literatur und veranstaltet Lesungen, Ausstellungen und Bildungsprojekte.
Sprache und Stil
Was Camilleris Bücher unverwechselbar macht, ist seine Sprache. Er mischt Hochitalienisch mit sizilianischen Ausdrücken, Sprichwörtern und Redewendungen. So klingt Camilleri gleichzeitig vertraut und fremd, poetisch und bodenständig. Eben so, wie die Menschen in seiner Heimat sprechen. Diese Mischung verleiht seinen Texten einen eigenen Rhythmus und eine besondere Klangfarbe. Für Nicht-Sizilianer*innen kann dies durchaus herausfordernd beim Lesen sein – für Übersetzer*innen sowieso.
Sein Stil ist tiefgründig, humorvoll und ironisch. Die Liebe zu gutem Essen, die in den Montalbano-Romanen fast schon ritualhaft inszeniert wird, ist mehr als ein lokaler Farbtupfer: Sie steht für Lebensfreude und Erdung, für eine Haltung, die dem Chaos des Alltags Gelassenheit entgegensetzt.
Auch in seinen autobiografischen Texten wie Ein Brief an Matilda zeigt sich Camilleris Kunst, schlicht und direkt zu erzählen, ohne Pathos, aber mit Wärme und Menschlichkeit. Er schreibt so, dass man das Gefühl hatte, ihm selbst zuzuhören – ob er nun über seine Kindheit, seine politische Haltung oder seine Theaterarbeit spricht.
Seine Sprache hat nicht nur das Bild Siziliens geprägt, sondern auch Maßstäbe für die europäische Kriminalliteratur gesetzt: Lokalkolorit wird bei ihm nicht bloße Kulisse, sondern lebendiger Teil der Handlung, eng verknüpft mit Identität, Politik und Geschichte.
Resümee
Wenn ich an Andrea Camilleri denke, erinnere ich mich an die „Begegnungen“, die ich mit ihm hatte: den Erzähler, den Intellektuellen, den Chronisten Siziliens, den Menschenfreund. Und sie haben Lust auf mehr gemacht – mehr seiner Bücher zu lesen.
Warum also Camilleri heute noch lesen? Weil er uns zeigt, wie eng Sprache, Essen, Politik und Alltagsleben miteinander verwoben sind. Seine Geschichten sind nicht nur spannend, sondern auch kleine Lektionen über Menschlichkeit, Humor und Gelassenheit. Wer Camilleri liest, entdeckt Sizilien – und ein Stück Europa.
Darin liegt seine zeitlose Aktualität: Camilleri erinnert uns daran, dass Literatur mehr sein kann als Unterhaltung – nämlich ein Spiegel der Gesellschaft, ein Stück Kulturgeschichte und eine Einladung zum Dialog. Auch jenseits seines 100. Geburtstags bleibt er ein Autor, der Generationen verbindet und dessen Bücher immer wieder neu entdeckt werden können.
FAQ zu Andrea Camilleri
Warum ist Andrea Camilleri heute noch wichtig?
Weil seine Bücher weit über den Kriminalroman hinausgehen. Camilleri verbindet spannende Plots mit Gesellschaftskritik, Humor und einer einzigartigen Sprache. Er zeigt, wie Literatur ein Stück Zeitgeschichte lebendig hält.
Was macht Commissario Montalbano so besonders?
Montalbano ist mehr als ein Ermittler: Er ist ein Mensch mit Schwächen, Humor und Leidenschaft – besonders fürs Essen. Seine Fälle spiegeln die Realität Siziliens zwischen Tradition, Politik und Alltagschaos.
Welche Rolle spielt die sizilianische Sprache in Camilleris Werk?
Die Mischung aus Hochitalienisch, sizilianischen Ausdrücken und Camilleris eigenen Neologismen verleiht seinen Texten eine unverwechselbare Klangfarbe. Sie macht seine Bücher authentisch – und für Übersetzer*innen zu einer besonderen Herausforderung.
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